Wer international Handel treiben, Rohstoffe kaufen oder große Summen über Grenzen hinweg bewegen will, kommt am US-Dollar kaum vorbei. Und wer am Dollar hängt, hängt meist auch an amerikanischen Banken, westlichen Korrespondenzbanken und dem SWIFT-Netzwerk. Diese Ordnung beginnt nun jedoch durch eine neue digitale Zahlungsinfrastruktur aus China langsam zu bröckeln.
Das Projekt heißt mBridge. Dieses entwickelt sich zunehmend zu einem geopolitischen Werkzeug ersten Ranges. China, Hongkong, Thailand, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien bauen als Gründungsmitglieder des neuen Finanznetzwerks damit einen Zahlungsweg auf, über den grenzüberschreitende Geschäfte direkt zwischen teilnehmenden Banken abgewickelt werden können. Ohne Dollar, ohne die üblichen westlichen Zwischenstationen und im Idealfall auch ohne das von Europa und den USA dominierte SWIFT-System.
Laut einem Bericht der „Financial Times“ steht mBridge nun vor dem kommerziellen Start. Eine eigene Gesellschaft in Hongkong soll den Betrieb der Plattform überwachen. Bereits rund 470 Milliarden Yuan, umgerechnet etwa 69 Milliarden Dollar, sollen über das System abgewickelt worden sein. Die Gebühren könnten laut dem FT-Bericht zudem deutlich niedriger ausfallen als bei herkömmlichen internationalen Zahlungsoptionen.
Der unsichtbare Hebel der amerikanischen Macht
Viele Menschen verbinden die Macht der USA zuerst mit Flugzeugträgern, Militärbasen und Sanktionen. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die Stellung des Dollars im globalen Finanzsystem. Wer Erdöl, Maschinen, Rohstoffe oder internationale Dienstleistungen bezahlt, nutzt häufig den US-Dollar als Zahlungsmittel. Und wer den US-Dollar nutzt, benötigt in der Regel Zugang zu einem Finanznetz, das eng mit amerikanischen Banken, der Federal Reserve und dem US-Kapitalmarkt verflochten ist. Das verschafft Washington einen Hebel, von dem andere Großmächte nur träumen können. Sanktionen funktionieren nicht allein deshalb, weil ein Staat auf einer schwarzen Liste steht. Sie funktionieren, weil Banken, Unternehmen und Regierungen fürchten müssen, vom Dollarraum abgeschnitten zu werden.
Wer keinen Zugang zu Dollar-Clearing, US-Banken oder westlichen Finanzmärkten hat, kann im internationalen Handel schnell in ernste Schwierigkeiten geraten. Der Ausschluss russischer Banken aus dem SWIFT-System nach der Eskalation des Ukraine-Krieges hat diese Macht besonders sichtbar gemacht. Auch das Einfrieren russischer Zentralbankreserven im Westen war für viele Staaten des globalen Südens ein Weckruf. Selbst Regierungen, die keine offenen Gegner Washingtons sind, dürften sich gefragt haben: Was passiert mit unseren Reserven, unseren Zahlungswegen und unserer wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit, wenn wir eines Tages politisch ebenfalls auf der falschen Seite stehen?
mBridge: Direkter Weg statt Dollar-Umweg
Eben hier setzt das mBridge-System an. Das System basiert auf digitalen Zentralbankwährungen, sogenannten CBDCs, die im Westen verständlicherweise auf Widerstand in der Bevölkerung stoßen, während man sie dort als Chance für eine partielle Lösung aus dem Dollar-System sieht. Vereinfacht gesagt sollen Banken aus den teilnehmenden Ländern Zahlungen direkt auf einer gemeinsamen digitalen Plattform abwickeln können. Ein Unternehmen in China könnte damit beispielsweise einen Handelspartner in den Vereinigten Arabischen Emiraten in digitalem Yuan oder Dirham bezahlen, ohne dass die Transaktion zwingend über Dollar-Konten und westliche Korrespondenzbanken laufen muss.

Im bisherigen System wandern internationale Zahlungen oft durch mehrere Banken und Länder. Jede Zwischenstation kostet Zeit, Gebühren und schafft neue Kontrollmöglichkeiten. mBridge soll diese Kette verkürzen: Zahlung und Währungstausch könnten nahezu gleichzeitig erfolgen, mit weniger Mittelsmännern und deutlich geringerem Aufwand. Für die beteiligten Länder ist das nicht nur eine Frage der Effizienz. Es ist eine Art finanzpolitische Versicherung. Wer alternative Zahlungswege besitzt, ist weniger verwundbar, wenn westliche Staaten mit Sanktionen, Kontensperren oder dem Ausschluss aus dem Dollarraum drohen.
Golfstaaten als entscheidendes Signal
Besonders wichtig ist hierbei die Beteiligung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Beide Staaten sind Energieexporteure, Finanzdrehscheiben und wichtige Knotenpunkte des Welthandels. Wenn künftig mehr Öl-, Gas- oder Infrastrukturgeschäfte über alternative Zahlungssysteme abgewickelt werden, trifft das die Dollarordnung (insbesondere den „Petro-Dollar“) an einer empfindlichen Stelle. Das Erdöl wird seit Jahrzehnten überwiegend in Dollar gehandelt, die Einnahmen der Produzenten fließen in amerikanische Staatsanleihen, Banken und Märkte zurück.
Dieses System verschafft den USA enorme Vorteile: Sie können sich günstiger finanzieren, ihre Währung weltweit exportieren und bei Krisen auf eine außergewöhnlich hohe Nachfrage nach Dollar zählen. Riad wird den Dollar deswegen nicht plötzlich fallenlassen. Die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Bindungen an die USA sind weiterhin erheblich. Doch die Richtung ist eindeutig: Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und andere Staaten wollen sich nicht mehr vollständig auf einen einzigen Währungsraum verlassen. Sie bauen sich Optionen auf – und ausgerechnet China liefert ihnen die technische Infrastruktur dazu.
Kein Dollar-Crash – aber ein Angriff auf das Monopol
Wer jetzt den unmittelbar bevorstehenden Untergang des Dollars ausruft, übertreibt jedoch. Der Yuan ist noch immer keine vollwertige Weltreservewährung. China kontrolliert den Kapitalverkehr, seine Finanzmärkte sind weniger offen als jene der USA, und viele internationale Investoren zögern, dauerhaft große Vermögen in Yuan zu halten. Der Dollar bleibt bei globalen Reserven, Handel, Kreditvergabe und Finanzanlagen mit großem Abstand die dominante Währung. Zudem ersetzt mBridge nicht automatisch alle Funktionen von SWIFT. Das SWIFT-System ist vor allem ein Nachrichten- und Kommunikationsnetz für Banken. Die eigentliche Abwicklung internationaler Zahlungen hängt weiterhin an Konten, Liquidität, Rechtsräumen und Vertrauen. Eine neue digitale Plattform kann dieses Geflecht nicht von heute auf morgen ersetzen.
Doch genau darin liegt die Gefahr für Washington: Nicht ein einzelner großer Schlag, sondern die schrittweise Entstehung paralleler Strukturen. Je mehr Länder Handel in Yuan, Dirham, Rubel, Rupien oder anderen Währungen abrechnen können, desto weniger zwingend wird der Dollar für jede internationale Transaktion. Je mehr Banken alternative Zahlungswege nutzen, desto schwerer wird es, politische Gegner durch Finanzsanktionen vollständig zu isolieren. Und mehr noch wird es für Washington schwieriger, die eigenen Staatsschulden zu refinanzieren. Denn wenn auf globaler Ebene weniger Dollar benötigt werden, decken sich weniger Länder und Institutionen mit diesen Papieren ein.
Der neue Kalte Krieg betrifft auch die Zahlungssysteme
Der globale Machtkampf zwischen den Vereinigten Staaten und China wird längst nicht mehr nur mit Zöllen, Marineverbänden und Sanktionen geführt. Er verlagert sich in die unsichtbaren finanziellen Leitungen der Weltwirtschaft. Wer kontrolliert, in welcher Währung bezahlt wird, über welche Banken Geld fließt und wer vom System ausgeschlossen werden kann, besitzt einen extrem wichtigen strategischen Hebel. Doch mit dieser Macht geht auch ein großes Maß an Verantwortung einher.
Das kommunistische Regime versucht mit mBridge nicht nur, Zahlungen schneller und billiger zu machen. Peking baut an einer Finanzarchitektur, die im Ernstfall unabhängig vom Wohlwollen Washingtons funktionieren soll. Für Staaten des globalen Südens ist das attraktiv: nicht unbedingt, weil sie sich China unterwerfen wollen, sondern weil sie nicht länger ausschließlich vom Westen abhängig sein möchten. Hierbei geht es nicht um ein „entweder, oder“, sondern vielmehr um ein „sowohl als auch“.
