25. Juni 2026

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Freiheit: Was bedeutet sie für uns – und wie lassen wir sie wachsen?

 

Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der offene Worte immer seltener werden und Zensur langsam zum selbstverständlichen Begleiter unseres Alltags wird? Dieser Frage geht unser Gastautor auf den Grund – und stellt heraus, wie wir alle dafür sorgen können, dass unser Diskurs und unser Leben wieder freier werden.

Ein Gastkommentar von Rudolf Alethia:

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Freiheit sprechen? Das Wort klingt zwar groß und selbstverständlich, doch dahinter verbergen sich zahlreiche Bedeutungen. Freiheit kann politisch, persönlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell oder psychologisch verstanden werden, um nur einige zu nennen. Betrachten wir politische Freiheit als Fundament für alle anderen Freiheiten. Denn wenn politische Freiheit fehlt, können andere Rechte jederzeit eingeschränkt werden.

Artikel 1 des österreichischen Bundesverfassungsgesetzes besagt eindeutig und unmissverständlich: »Österreich ist eine Demokratie, und das Recht geht vom Volke aus«. Das klingt ermutigend, doch: Politische Freiheit bedeutet nicht nur das Recht auf freie Wahlen, sondern ist der Grundstein für alle anderen Formen individueller Selbstbestimmung, wie gelebte Mitbestimmung, Meinungsfreiheit und gesellschaftliche Teilhabe. Sie beginnt bereits dort, wo jeder das Recht auf freie Meinungsäußerung hat, wo kritische Äußerung nicht sanktioniert wird und das Volk die Richtung vorgibt. Der Ursprungsgedanke der Demokratie ist eindeutig und klar: Macht soll geteilt, Wandel möglich und Mitsprache selbstverständlich sein. Doch selbst in Demokratien können gesellschaftliche Strömungen, öffentlicher Druck oder die medialen Dynamiken der Mainstreammedien das Gefühl von Freiheit, beziehungsweise die Freiheit des Denkens beeinflussen, auch, wenn keine formellen Verbote existieren. Es sind oft Feinheiten, die entscheiden, wie frei sich eine Gesellschaft im Herzen wirklich fühlt und wie viel Gegenwind sie aushält. Dennoch, politische Freiheit verlangt, dass man auf Augenhöhe miteinander debattiert, ohne Angst vor den Konsequenzen zu haben. Gerade in solchen Situationen zeigt sich, dass politische Freiheit nicht selbstverständlich, sondern ein kostbarer Schatz ist, der, vergleichbar mit einer empfindlichen Pflanze, ständig beschützt werden möchte.

Was ist noch sagbar?

Wenn wir unseren Alltag anschauen, bewegt er sich meist auf einer schmalen Linie zwischen dem Versprechen einer offenen Gesellschaft und der unterschwelligen Furcht, denn man weiß nie, ob das, was man sagt, auf Verständnis stößt, oder ob man sich damit angreifbar macht. Wir wandern zwischen der Hoffnung auf echte Auseinandersetzung und der Sorge, ob Offenheit noch willkommen ist.

Montagmorgen. Ein Tag wie jeder andere. Nehmen wir Irene, 48, sie steht am Fenster und beobachtet das Leben auf der Straße, hört die Geräusche der Stadt, spürt die kühle Luft. Für einen Moment atmet sie tief ein, doch etwas ist anders. Nicht äußerlich, sondern innerlich. Wie ein unsichtbarer Druck legt sich etwas auf ihre Brust. Sie bemerkt: Das wahre Atmen, das innere Durchatmen, ist seltener geworden.

Im Großraumbüro ist das Bewusstsein für das »Sagbare« fast körperlich spürbar. Die Gespräche zwischen den Kollegen sind leiser, verhaltener. Irene beobachtet ihre eigenen Reaktionen: »Wann habe ich zum letzten Mal meine Meinung gesagt, ohne vorher die möglichen Folgen zu bedenken?« Noch bevor sie antwortet, bricht sie ihren Gedanken ab. Anderen ergeht es ähnlich, das merkt sie. Die Pause im Gespräch, dieses Abwägen, verbindet alle, die im Raum sind.

Die Kaffee-Ecke, einst ein Ort für heiße Debatten über die Politik des Tages, ist zu einer Zone höflichen Schweigens geworden. Man spricht, aber die Worte bleiben an der Oberfläche: »Wie war das Wochenende? War viel los bei euch?« Niemand spricht mehr öffentlich von den Dingen, die wirklich beschäftigen: Familie, Sorgen, Zweifel, gesellschaftliche Entwicklungen. Offenere Gespräche finden heute kaum mehr öffentlich, sondern in privaten, vertrauten Gruppen statt. Freiheit stirbt zwar nicht, jedoch sucht sie sich neue geschützte Orte.

Hemmungen nehmen zu

Auch im vertrauten oder privaten Kreis ist diese Zurückhaltung längst zum festen Bestandteil unseres Lebens geworden. In der Schule beim Elternabend, werden heikle Themen nur tangiert, nicht vertieft. Immer öfter erkennen wir, dass wir bereits beginnen, unsere Gedanken nicht mehr zu Ende zu denken, weil wir Angst davor haben, unsere Körpersprache könnte verraten, dass wir gegensätzlicher Ansicht sind. Sicher kennen Sie das Gefühl, dass Sie das Gespräch jetzt in eine andere Richtung lenken müssten, weil die angespannte Situation sonst eskalieren würde. Oder Sie neigen dazu, ein Thema zu umfahren, obwohl es Ihnen auf der Zunge liegt.

Immer öfter halten Menschen inne, überlegen, bevor sie antworten. Die Hemmung, die eigene Wahrheit auszusprechen, beginnt nicht selten schon im Inneren: »Was, wenn ich missverstanden werde? Was, wenn ich als andersartig gelte? Als Schwurbler? Als zu laut oder zu direkt?« Manchmal ist es nicht der große Bruch, sondern der kleine Alltagsmoment. Irene trifft ihren Nachbarn im Stiegenhaus. Früher wechselten sie noch einen kurzen Plausch über Gott und die Welt, heute bleibt es meist bei einem knappen »Guten Morgen«. Beide lächeln verstohlen und wirken dabei angespannt. »Lieber nichts Falsches sagen.« Irene wundert sich. Wann ist das Gespräch eigentlich verstummt?

Denken Sie an Café- und Gasthausgespräche: früher Rückzugsorte für ungefilterte Meinungen. Gibt es sie noch? Mitnichten. Wer heute dort sitzt, beobachtet die Umgebung, prüft, wer zuhört. Und wenn gesprochen wird, bleibt es meist an der Oberfläche: belanglos, nichtssagend, wertlos. Vielleicht haben Sie schon einmal bei einer Unterhaltung gelacht, nicht weil etwas wirklich komisch oder witzig war, sondern weil das Lachen und das folgende Schweigen helfen, sich zu verstecken. Nicht aus Einfallslosigkeit, sondern weil das Risiko, sich aus der Deckung zu wagen, zu groß erscheint.

Auch im digitalen Raum erleben viele eine neue Form der Zurückhaltung. Bevor sie eine Nachricht senden, denken sie darüber nach: Wie wird das gelesen? Wie könnten meine Worte wirken? Welche Konsequenzen könnten folgen? Man überlegt zweimal, bevor man einen Post »liked« oder kommentiert. Das Bewusstsein für Schweigen, für berechenbares Verhalten, ist größer geworden. Dieses schleichende Gefühl der Unsicherheit, es könnte etwas falsch verstanden werden, steuert zunehmend unser Handeln. Auf Dauer macht uns das krank. Die Folgen des ständigen Drucks zur Selbstzensur reichen von Schlafstörungen und Nervosität über Unsicherheit bis hin zu Paranoia und dem Gefühl, keinen Raum mehr zu haben.

Inseln der Freiheit

Natürlich gibt es auch andere Stimmen. Vielleicht empfinden Sie selbst eine ruhigere Öffentlichkeit sogar als angenehm, weniger laute Auseinandersetzungen, mehr gegenseitige Rücksichtnahme. Und dennoch: Die Erfahrung der wachsenden Zurückhaltung teilen viele. Wer sich eine Weile umschaut, nimmt vielleicht die kleinen Inseln der Offenheit wahr: private Lesekreise, Musikabende, lange Spaziergänge, Gespräche spät nachts in vertrauter Runde. Sie wissen vielleicht selbst, wie sehr solche Momente beleben und erleichtern können. Man atmet auf, wenn für eine Weile alle Masken fallen dürfen. Und dann ist plötzlich alles leicht, als hätte jemand das Fenster weit aufgerissen, die stickige Luft vertrieben und einen frischen Strom hereingelassen.

Irenes Großvater, inzwischen über achtzig, erinnert sich daran, wie wohltuend und schwer zugleich es war, nach Jahren der Vorsicht wieder ganz offen zu reden. Wie langsam nach einer Phase der Enge der Mut zurückkehrte, wie leise die ersten Worte aus der Deckung klangen, wie befreiend dann das erste ehrliche Gespräch war. Vielleicht haben Sie ähnliche Geschichten in Ihrer Familie oder im Freundeskreis gehört. Vielleicht spüren Sie gerade beim Lesen, wie die Dringlichkeit wächst, die Freiräume von heute nicht als selbstverständlich hinzunehmen.

Sind es nur die aktuellen Zeiten? Die Nachrichten der Mainstreammedien? Die Angst vor Ausgrenzung? Oder ist es die Summe dessen, was uns in den letzten Jahren als »neue Normalität« verkauft wurde? Erinnern Sie sich noch, wie gut sich alles anfühlte, bevor Zurückhaltung der neue Standard wurde? Wie haben Sie sich geäußert, wie gestritten, wovon haben Sie geträumt?

Luft anhalten oder atmen?

Auf dem Spaziergang durch den Park begegnet Irene einer alten Freundin. Früher hätten sie sich umarmt, wären laut lachend ins Gespräch gefallen. Jetzt stehen sie steif, jeder auf seinem Standpunkt. Nach fünf Minuten wird klar: Das Gespräch bleibt an der Oberfläche, der Wunsch nach echter Auseinandersetzung bleibt unerfüllt zurück. »Früher«, sagt Irenes Freundin später, »hatten wir immer Angst, uns zu verlieren, wenn wir ehrlich waren. Heute fürchten wir eher, überhaupt ehrlich zu sein.«

Am Abend steht Irene wieder am Fenster, blickt hinaus auf die Stadt, atmet langsam und tief. »So fühlt sich Freiheit an«, denkt sie, der erste freie Atemzug nach einem langen Tag voller Zurückhaltung.

Das Atmen ist eine Metapher für Freiheit geworden: Je weniger wir aussprechen können, je mehr Gedanken wir zurückhalten, desto enger wird es, individuell und gesellschaftlich. Aber wo wir uns Räume schaffen, in denen Offenheit möglich ist, weitet sich auch die Enge.

Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein täglicher Prozess. Sie lebt in Gesprächen, Gesten und Begegnungen. Sie wächst, wenn wir zuhören lernen, Konflikte aushalten, eigene und fremde Unterschiedlichkeit akzeptieren, statt uns aus Angst vor Gegenwind zurückzuziehen.

Freiheit bedeutet nicht, dass es keine Konflikte oder keinen Stillstand gäbe. Im Gegenteil: Gegensätze, Widerspruch und ehrliche Auseinandersetzung sind notwendig, auch wenn sie manchmal Unbehagen auslösen.

Wer heute Sehnsucht nach mehr Luft, nach mehr Freiheit verspürt, ist damit nicht allein. Die Bereitschaft, offene Gespräche zu riskieren, auch Unbequemes auszusprechen, ist die Grundlage für jedes echte Miteinander. Die kollektive Rückkehr zu mehr Freiheit geschieht meist nicht auf einen Schlag, sondern beginnt im Kleinen. Mit jedem ehrlichen Satz, jedem klaren Wort, jedem offenen Zuhören wird der Raum für andere größer. Freiheit lebt dort, wo wir sie leben. Ihr Verlust geschieht langsam, unmerklich, in vielen kleinen Schritten. Ihre Rückeroberung beginnt ebenso, in dem Moment, in dem wir bewusst Räume öffnen, ein Fenster aufstoßen, tief durchatmen und uns trauen, wieder zu sagen, was uns wirklich bewegt.

Vielleicht erkennen Sie Ähnliches in Ihrem eigenen Leben. Nach einem ehrlichen, offenen Austausch, nach einem tiefen Lachen oder lautem Singen im Auto fühlt sich das Atmen leichter an. Es scheint, als sei mit dem Befreiungsschlag etwas von der Last abgefallen, die zuvor unsichtbar auf Brust und Gedanken lag.

Am Ende dieses Tages, vielleicht auch an einem Ihrer Tage, bleibt der Wunsch, weiter frei atmen zu können. Irene steht wieder am offenen Fenster, spürt das Leben der Stadt und atmet. Tief, ruhig, bewusst.

Vielleicht nehmen auch Sie sich jetzt einen Augenblick Zeit, öffnen ein Fenster, atmen tief durch und entdecken die Weite, die damit in Ihnen wächst.

Wir können Freiheit wachsen lassen

Freiheit beginnt mit dem ersten Atemzug. Sie wächst mit jedem offenen Wort, jedem Widerspruch, jedem Versuch, zuzuhören und den anderen so stehen zu lassen, wie er oder sie ist. Es liegt an jedem Einzelnen von uns, den ersten Schritt zu tun.

Fenster öffnen. Atmen. Sprechen. Zuhören. Leben.

Denn Freiheit lebt von der Bewegung: im Dialog, im Atem, im Wagnis, immer wieder neu.

Denn, wie der Philosoph John Stuart Mill eindringlich feststellte:

»Die einzige Freiheit, die einen gerechten Anspruch darauf hat, diesen Namen zu tragen, ist die, unser eigenes Wohl auf unsere eigene Weise zu suchen, solange wir nicht versuchen, andere ihrer Freiheit zu berauben oder sie ihrer Mittel zu berauben, sie zu erreichen.«

Quelle: John Stuart Mill, »Über die Freiheit«, Erstveröffentlichung 1859

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