Während die Bevölkerung über Inflation, Energiepreise und Sozialkürzungen diskutiert, vollzieht sich in Europa ein wirtschaftlicher Umbau historischen Ausmaßes. Still und leise stellen zahlreiche NATO-Staaten Teile ihrer Industrie auf militärische Produktion um.
Besonders auffällig: Fast alle betroffenen Unternehmen sitzen in NATO-Staaten. Die Grenzen zwischen ziviler Industrie und Rüstungsproduktion beginnen zu verschwimmen. Was einst als Ausnahme galt, wird zunehmend zur neuen industriellen Normalität.
Die Rückkehr der Kriegswirtschaft
Als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 2022 erstmals von einer „Kriegswirtschaft“ sprach, galt dies vielen noch als politische Rhetorik. Heute wird der Begriff in europäischen Hauptstädten kaum noch bestritten.
Die Produktion von Munition wird ausgeweitet. Neue Pulverfabriken entstehen. Automobilwerke werden für militärische Zwecke geprüft. Drohnenfabriken entstehen in ehemaligen Zivilbetrieben.
Europa erlebt die größte militärische Industrialisierung seit dem Ende des Kalten Krieges.
Deutschland: Autos für den Krieg
Deutschland liefert das vielleicht deutlichste Beispiel.
Rheinmetall baut seine Produktionskapazitäten massiv aus und prüft die Nutzung ehemaliger Automobilstandorte. Das Volkswagen-Werk in Osnabrück wurde öffentlich als möglicher Standort für Rüstungsproduktion genannt.
Daimler Truck gründete eine eigene Verteidigungssparte. Mercedes erklärte seine grundsätzliche Bereitschaft, militärische Produktionsmöglichkeiten zu prüfen. Porsche SE investiert verstärkt in Drohnen- und Verteidigungstechnologien.
Ausgerechnet die deutsche Automobilindustrie, jahrzehntelang Symbol der Exportwirtschaft, rückt damit näher an den militärisch-industriellen Komplex.
Frankreich: Renault baut Drohnen
Frankreich geht noch einen Schritt weiter.
Renault beteiligt sich an der Produktion militärischer Drohnen. Gemeinsam mit Rüstungspartnern sollen große Stückzahlen für den Verteidigungssektor gefertigt werden. Thales erweitert seine Aktivitäten in den Bereichen Drohnen, Elektronik und Luftverteidigung. Eurenco baut die Pulverproduktion massiv aus. KNDS produziert Artilleriesysteme und Munition.
Die französische Regierung spricht offen von einer „économie de guerre“.
Italien: Rüstung wird Wachstumsbranche
Leonardo entwickelt sich zunehmend zu einem europäischen Schwergewicht im Bereich Drohnen, Luftfahrt und Verteidigungselektronik.
Fincantieri produziert Kriegsschiffe. Iveco Defence baut Militärfahrzeuge.
Die italienische Rüstungsindustrie wächst seit Jahren und profitiert erheblich von den steigenden Verteidigungsausgaben.
Großbritannien: Munition statt Sparpolitik
BAE Systems erweitert die Munitionsproduktion. Rolls-Royce liefert militärische Antriebe. Babcock baut Marine- und U-Boot-Kapazitäten aus.
Großbritannien investiert Milliarden in die Wiederherstellung industrieller Rüstungskapazitäten, die nach dem Kalten Krieg weitgehend abgebaut worden waren.
Polen und Osteuropa: Die neue Waffenfabrik Europas
Polen baut seine Rüstungsindustrie mit enormem Tempo aus.
PGZ produziert Munition und Raketen. Mesko erweitert die Fertigung. WB Group produziert Drohnen.
Bulgarien kooperiert mit Rheinmetall beim Aufbau von Munitionsproduktion.
Tschechische und slowakische Unternehmen steigern die Produktion von Artillerie und Munition.
Skandinavien: Der Norden rüstet auf
Saab in Schweden erweitert seine Produktion von Luftverteidigungssystemen und Kampftechnik.
Nammo in Norwegen und Finnland steigert die Munitionsproduktion.
Kongsberg baut Raketen- und Luftabwehrkapazitäten aus.
Mit dem NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands ist der gesamte Norden Europas inzwischen Teil des westlichen Verteidigungsraums geworden.
Zufall oder System?
Bemerkenswert ist dabei vor allem eines:
Nahezu alle großen Industrieumstellungen finden innerhalb von NATO-Staaten statt.
Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen, Spanien, Norwegen, Schweden, Finnland, Belgien und die Niederlande gehören entweder seit Jahrzehnten zur NATO oder sind ihr erst kürzlich beigetreten.
Die militärische Neuordnung Europas folgt damit nahezu exakt den Grenzen des westlichen Bündnisses.
Und die Europäische Union?
Die meisten dieser Staaten sind gleichzeitig Mitglieder der Europäischen Union.
Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Belgien, die Niederlande, Polen, Schweden und Finnland gehören sowohl der EU als auch der NATO an. Ausnahmen sind unter anderem Großbritannien, Norwegen und die Türkei, die zwar NATO-Mitglieder, aber keine EU-Staaten sind.
Dennoch überschneiden sich NATO und EU in Europa heute stärker als jemals zuvor.
Kritiker sprechen inzwischen von einer zunehmenden Verschmelzung von Wirtschafts-, Sicherheits- und Industriepolitik.
Die neue Industriepolitik Europas
Offiziell geht es um Sicherheit. Doch gleichzeitig entstehen gewaltige neue Absatzmärkte.
Milliardenprogramme fließen in Munition, Drohnen, Raketen, Luftverteidigung und militärische Infrastruktur.
Unternehmen, die jahrelang unter Absatzkrisen litten, entdecken plötzlich den Verteidigungssektor als Wachstumsmarkt. Die Grenze zwischen ziviler Industrie und militärischer Produktion wird dabei zunehmend durchlässig.
Fazit
Europa erlebt eine Entwicklung, über die nur selten offen gesprochen wird.
Die Rüstungsindustrie wächst nicht mehr nur innerhalb klassischer Waffenkonzerne. Sie greift auf Automobilhersteller, Zulieferer, Elektronikkonzerne und zivile Industriebetriebe über.
Was früher als Ausnahme galt, wird schrittweise zur wirtschaftlichen Normalität. Die NATO-Staaten Europas haben begonnen, ihre industrielle Basis neu auszurichten. Nicht mehr nur auf Handel. Nicht mehr nur auf Export.
Sondern zunehmend auf die Anforderungen eines möglichen großen Konflikts.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Europa aufrüstet. Sondern wie weit die Umwandlung einer Friedenswirtschaft in eine Kriegswirtschaft bereits fortgeschritten ist.
Einige Quellen:
Reuters: Rheinmetall will deutsche Werke für Rüstungsproduktion nutzen
https://www.reuters.com/markets/europe/rheinmetall-repurpose-two-german-factories-make-defence-equipment-2025-02-24/ Reuters: Rheinmetall sieht VW-Werk Osnabrück als geeignet für Verteidigungsproduktion
https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/vws-osnabrueck-plant-would-be-very-suitable-defence-production-rheinmetall-ceo-2025-03-12/ Reuters: Mercedes-Benz offen für Verteidigungsproduktion
https://www.reuters.com/business/mercedes-benz-ceo-tells-wsj-carmaker-willing-enter-defense-production-2026-05-15/ Reuters: Daimler Truck gründet Verteidigungssparte
https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/daimler-truck-launches-new-defence-brand-backed-by-multimillion-euro-investment-2026-06-15/ Reuters: Porsche SE verstärkt Investitionen in Verteidigungstechnologien
https://www.reuters.com/business/volkswagen-owner-porsche-se-reports-blow-2025-earnings-2026-03-26/ Reuters: Deutscher Drohnenhersteller Quantum Systems wächst stark
German drone maker Quantum Systems triples valuation after new funding round AP News: Europas Rüstungsindustrie baut Kapazitäten massiv aus
Germany plans to take 40% in Leopard tank maker KNDS, joining France as stakeholder Reuters: Renault steigt in die militärische Drohnenproduktion ein
https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/renault-make-drones-with-thales-support-french-defence-sector-2026-06-16/ Le Monde: Macron fordert eine französische „Kriegswirtschaft“
Macron advocates a war economy that ‚produces wealth‘ Reuters: Italien genehmigt Leonardo-Baykar-Drohnen-Joint-Venture
https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/italy-gives-conditional-approval-leonardo-baykar-drones-joint-venture-2026-06-17/ BAE Systems: Ausbau der Munitionsproduktion und Kooperation mit Polen
https://www.baesystems.com/en/article/poland-to-partner-with-uk-defence-firm-to-boost-munitions-production Nammo: Ausbau der Munitionskapazitäten
https://www.nammo.com/story/building-industrial-capacity-for-the-future/ Reuters: Bulgarien und Rheinmetall vereinbaren Munitionsproduktion
https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/bulgaria-rheinmetall-seal-1-billion-euro-deal-produce-gunpowder-ammunition-2025-10-28/ Defense News: Polen baut Artillerie- und Munitionsproduktion aus
https://www.defensenews.com/global/europe/2025/09/15/poland-picks-bae-systems-for-artillery-ammunition-ramp-up/
Europas stille Mobilmachung: Wie NATO-Staaten ihre Wirtschaft auf Krieg umstellen
