Australiens umstrittenes Social-Media-Verbot für Jugendliche entwickelt sich zum politischen Fiasko. Sechs Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes zeigt eine Studie: Rund 85 Prozent der 12- bis 15-Jährigen nutzen soziale Medien weiterhin. Anstatt das gescheiterte Modell zu überdenken, reagiert die Regierung mit härteren Strafen, mehr Überwachung und einer weiteren Ausweitung der staatlichen Kontrolle.
Eine im British Medical Journal veröffentlichte Untersuchung mit 408 Jugendlichen kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Das Verbot hält die meisten Minderjährigen nicht von Instagram, TikTok oder Snapchat fern. Auch die New York Times berichtet, dass das Gesetz sein zentrales Ziel weitgehend verfehlt habe.
Die Umgehung des Systems ist oft erstaunlich einfach. Jugendliche verwenden Konten ihrer Eltern oder älterer Geschwister oder täuschen die Altersprüfung mit einfachen Tricks aus. Selbst Gesichtsscans lassen sich teilweise mit minimalem Aufwand umgehen.
Doch anstatt die Wirksamkeit des Gesetzes grundsätzlich infrage zu stellen, verschärft Canberra den Kurs.
Premierminister Anthony Albanese kündigte an, die Höchststrafen für Technologieunternehmen von 49,5 auf 99 Millionen australische Dollar zu verdoppeln. Gleichzeitig sollen die Befugnisse der Internetaufsicht eSafety Commissioner deutlich ausgeweitet werden.
Die Behörde soll künftig umfassendere Informationen von Plattformen, App-Stores und sogar Anbietern digitaler Identitäten verlangen können. Damit wächst ein Kontrollsystem heran, das weit über den ursprünglichen Jugendschutz hinausgeht. Es zeigt das es nie um Schutz der Kinder geht.
Besonders umstritten sind die immer strengeren Anforderungen an die Altersverifikation. Plattformen werden faktisch dazu gedrängt, verstärkt Gesichtsscans und Identitätsprüfungen einzusetzen. Kritiker warnen, dass dadurch eine Infrastruktur entsteht, in der biometrische Daten und digitale Identitäten zur Voraussetzung für den Zugang zu sozialen Netzwerken werden.
Ironischerweise zeigen dieselben Untersuchungen, dass gerade diese Systeme ihren eigentlichen Zweck häufig verfehlen. Während Jugendliche die Sperren weiterhin umgehen, werden gleichzeitig immer mehr personenbezogene Daten erfasst und gespeichert.
Damit stellt sich zunehmend die Frage, ob das eigentliche Ergebnis dieser Politik nicht weniger der Schutz von Kindern als vielmehr der Aufbau einer dauerhaften Infrastruktur für digitale Identitätskontrollen ist.
Australien gilt vielen Regierungen inzwischen als Vorbild. Auch andere Länder prüfen ähnliche Modelle – obwohl das australische Experiment bislang vor allem eines zeigt: Die Jugendlichen bleiben in den sozialen Medien. Gewachsen ist dagegen vor allem der staatliche Zugriff auf digitale Identitäten und biometrische Daten.
Australiens Social-Media-Verbot ist gescheitert – die Antwort der Regierung: mehr Überwachung
