Unsere Gesellschaft feiert die Jugend. Startup-Gründer Anfang 20 gelten als die Genies unserer Zeit, und oft schwingt die unausgesprochene Angst mit: Ab 30 geht es geistig eigentlich nur noch bergab. Doch eine neue, umfassende Studie räumt nun mit diesem Mythos auf. Die Wissenschaft zeigt auf, dass die wahre geistige Blütezeit des Menschen in der späten Lebensmitte liegt.
Wer kennt es nicht? Man sucht nach einem bestimmten Wort, vergisst den Namen eines flüchtigen Bekannten, oder ertappt sich dabei, wie man sich schwerer damit tut, eine komplett neue Software zu lernen als der 20-jährige Kollege. Schnell wird dann gescherzt, das liege am Alter. Die bisherige Hirnforschung gab dieser Wahrnehmung lange recht: Die sogenannte „fluide Intelligenz“ – also die Fähigkeit, rasend schnell logische Probleme zu lösen und abstrakte Muster zu erkennen – erreicht tatsächlich schon im Alter von etwa 20 Jahren ihren Peak. Danach beginnt ein langsamer, aber stetiger Abbau.
Doch wenn unsere geistige Rechenleistung ab 20 schwindet, warum werden dann fast alle globalen Konzerne von Menschen über 50 geführt? Warum treffen wir im Alter oft viel bessere finanzielle und zwischenmenschliche Entscheidungen? Mit dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit haben sich die Forscher Gilles E. Gignac und Marcin Zajenkowski in einer aktuellen Studie mit dem Titel „Humans peak in midlife: A combined cognitive and personality trait perspective“ (veröffentlicht im Fachmagazin Intelligence) beschäftigt. Ihre Erkenntnisse drehen unser Bild vom Altern auf den Kopf.
Wir werden nicht dümmer, wir werden weiser
Die Forscher kritisierten, dass sich die Wissenschaft viel zu lange nur auf die reine „Prozessorgeschwindigkeit“ des Gehirns konzentriert hat. Das echte Leben aber – ob im Beruf, in Beziehungen oder bei Geldanlagen – verlangt weit mehr als das. Daher analysierten sie neun verschiedene Faktoren, darunter die emotionale Intelligenz, die finanzielle Bildung, das moralische Urteilsvermögen, die kognitive Flexibilität, die sogenannte „kristalline Intelligenz“ und die Widerstandskraft gegen Denkfehler.
Um all dies vergleichen zu können, legten die Wissenschaftler die Daten tausender Menschen auf eine gemeinsame Skala und berechneten so einen Index der wahren „kognitiven und persönlichen Leistungsfähigkeit“ (CPFI). Das Ergebnis ist höchst interessant: Der menschliche Geist erreicht seinen absoluten Höhepunkt nicht in den Zwanzigern, sondern erst zwischen dem 55. und 60. Lebensjahr.
Während die junge Generation zwar den Vorteil hat, abstrakte Probleme schneller zu fassen, glänzt die ältere Generation durch das überlegene „Gesamtpaket“. Ab 50 lassen wir uns weniger von Emotionen blenden, wir bewerten Risiken viel realistischer und fallen seltener auf den sogenannten „Sunk-Cost-Bias“ herein (der Denkfehler, an sinnlosen Projekten festzuhalten, nur weil man schon viel investiert hat). Zudem steigt das „Erfahrungswissen“ im Laufe des Lebens kontinuierlich an. Wir müssen das Rad nicht mehr ständig neu erfinden, weil wir erkannt haben, wie sich die Räder drehen.
Generationenübergreifende Effizienz
Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Ein junges Gehirn mag einer Hochleistungs-CPU ähneln, der eine massive Datengrundlage fehlt. Ein Gehirn in der Lebensmitte ist vielleicht ein My langsamer, greift aber auf ein riesiges Archiv an Lebensweisheit, gelassener Problemlösungskompetenz und feiner Kalibrierung zurück. Die Autoren der Studie ziehen daraus eine klare und auch für den Arbeitsmarkt extrem relevante Schlussfolgerung: Menschen sind vor allem im Alter zwischen 40 und 65 Jahren am besten dafür geeignet, hochkomplexe und folgenschwere Entscheidungen zu treffen.
Es ist also an der Zeit, den gesellschaftlichen Jugendwahn ad acta zu legen. Falten und graue Haare sind kein Zeichen von geistigem Verfall. Im Gegenteil: Sie sind die sichtbaren Abzeichen jener Menschen, die kognitiv gerade erst in ihrer wahren Blütezeit angekommen sind. Im Berufsleben kann die Lebenserfahrung der Menschen in den 50ern mit der raschen Auffassungsgabe der jungen Generation so vielleicht auch eine Effektivität erzielen, die altersmäßig homogene Gruppen so vielleicht gar nicht schaffen können.
Warum wir in Wahrheit erst mit Ende 50 auf dem geistigen Höhepunkt sind
