28. Juni 2026

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Kritik unerwünscht: Wikipedia sperrt Mitgründer Larry Sanger

 

Larry Sanger hat Wikipedia mit aufgebaut, den Namen der Plattform geprägt und warnt seit Jahren vor deren politischer Schlagseite. Nun wurde der Mitgründer ausgerechnet von der englischsprachigen Wikipedia auf unbestimmte Zeit gesperrt, nachdem er mehr weltanschauliche Vielfalt unter den Editoren fordern wollte.

Wikipedia inszeniert sich bis heute als frei zugängliches Gemeinschaftsprojekt: Jeder könne mitschreiben, jeder könne Fehler korrigieren, Wissen entstehe durch die Zusammenarbeit zahlloser Freiwilliger. Dieses Bild mag bei unverfänglichen Themen noch halbwegs funktionieren. Doch sobald es um Politik, Migration, Klima, Corona, Krieg, Geschlechterfragen oder ideologische Konfliktfelder geht, erleben Nutzer seit Jahren etwas anderes: Ein enger Kreis besonders aktiver Editoren, Administratoren und Regelhüter bestimmt, welche Quellen als „seriös“, welche Begriffe als zulässig und welche Sichtweisen als akzeptabel gelten. Nun hat dieses System ausgerechnet jenen Mann ausgesperrt, der Wikipedia in der Anfangsphase entscheidend mitgeprägt hat. Larry Sanger war 2001 gemeinsam mit Jimmy Wales am Aufbau beteiligt, prägte den Namen „Wikipedia“ und formulierte frühe Grundsätze des Projekts mit. Seit seinem Ausscheiden im Jahr 2002 gehört er allerdings zu den schärfsten Kritikern jener Plattform, die ursprünglich als große, offene Wissenssammlung gedacht war.

Bereits 2023 berichtete Report24 über Sangers deutliche Abrechnung mit Wikipedia. Damals sagte er im Gespräch mit dem US-Journalisten Glenn Greenwald, keine Enzyklopädie sei seines Wissens nach so voreingenommen wie Wikipedia. Er warnte, die Plattform sei vom demokratisierten Wissensprojekt immer stärker zu einem Instrument des linksliberalen Establishments und der digitalen Informationskriegsführung geworden. Auch unsere Analyse aus dem Jahr 2025 über die Netzwerke und Finanzstrukturen rund um Wikimedia (u.A. der Einfluss von George Soros) zeigte, dass die Frage nach politischer Einflussnahme berechtigt ist.

Wikipedia ist heute kein harmloses Nachschlagewerk, das irgendwo im Hintergrund des Internets existiert. Die Plattform prägt Suchergebnisse, Medienberichte, Schulreferate, universitäre Arbeiten und zunehmend auch KI-Systeme, die aus frei verfügbaren Online-Quellen lernen oder deren Inhalte zusammenfassen. Damit entscheiden die Administratoren nicht nur über die Formulierungen und Behauptungen in einzelnen Artikeln. Er beeinflusst, was Millionen Menschen als unstrittige Tatsache, als zweifelhafte Behauptung oder als angeblich widerlegte „Desinformation“ wahrnehmen. Gerade deshalb ist es keineswegs nebensächlich, wer innerhalb dieser Plattform über Regeln, Quellen und politische Grenzziehungen entscheidet.

Mehr Vielfalt? Das wurde zum Problem

Sanger hatte zuletzt versucht, ein neues „WikiProject Intellectual Diversity“ auf den Weg zu bringen. Solche WikiProjekte sind im Grunde Arbeitsgruppen von Editoren, die sich auf bestimmte Themenbereiche oder Aufgaben konzentrieren. Sein Vorschlag zielte darauf ab, mehr weltanschauliche Vielfalt in die Wikipedia-Arbeit zu bringen und Menschen einzubinden, die sich vom derzeitigen Milieu der Plattform kaum repräsentiert fühlen. Sanger verwies dabei insbesondere auf konservative, religiöse und andere nicht-progressive Stimmen, die sich stärker an der Arbeit beteiligen sollten. Seine Idee war nicht, Wikipedia einfach in eine konservative Gegen-Enzyklopädie umzuwandeln. Vielmehr argumentierte er, dass eine Plattform, die Neutralität für sich beansprucht, nicht dauerhaft von einem sozial und politisch relativ homogenen Kreis besonders aktiver Nutzer geprägt werden dürfe.

Eben dieser Vorstoß führte nun zur Eskalation. Sanger verlinkte auf X auf eine laufende interne Diskussion über sein geplantes WikiProject. Dort schrieb er, Wikipedianer würden gerade darüber beraten, ob sein Projekt offiziell anerkannt werden solle; es gebe viele Gegner, aber auch viele Befürworter. Für Wikipedia-Editoren war das der Auslöser, ihm sogenanntes „off-wiki Canvassing“ vorzuwerfen. Gemeint ist damit die Mobilisierung von Menschen außerhalb Wikipedias, um auf eine interne Diskussion, Abstimmung oder Entscheidung Einfluss zu nehmen. Wikipedia hat Regeln gegen solche Kampagnen.

Denn wer externe Gruppen gezielt in eine laufende Debatte schleust, kann den Prozess künstlich verzerren und Mehrheiten organisieren, die mit der tatsächlichen Community wenig zu tun haben. Doch im Fall Sanger bleibt eine entscheidende Frage offen: Wie soll eine Gruppe, die innerhalb des bestehenden Wikipedia-Milieus kaum vertreten ist, jemals mehr Gewicht bekommen, wenn bereits der Versuch, neue Interessierte für ein Projekt zu gewinnen, als unzulässige Einflussnahme gilt? Die Diskussion auf Wikipedia endete schlussendlich mit einer unbefristeten Sperre.

Die Administratoren, die vorwiegend aus dem linken, liberalen Spektrum kommen, wollen offensichtlich keine Ausgewogenheit bei den Artikeln, sondern lediglich ihre eigenen Ansichten verbreiten. Damit zeigen sie jedoch auch ein bedenkliches Weltbild, zumal gerade bei umstrittenen Themen auf einer Enzyklopädie unterschiedliche Standpunkte möglichst ausgewogen dargestellt werden sollten. Etwas, das Sanger mit seiner Initiative umsetzen wollte. Doch bei Linken ist kein Platz für andere Ansichten und Positionen.

Die Sperre trifft Sanger zudem an einem besonders ironischen Punkt. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er seine „Nine Theses“ zur Reform Wikipedias. Darin forderte er unter anderem ein Ende der Entscheidungsfindung durch angeblichen Konsens, konkurrierende Artikelversionen bei strittigen Themen, die Abschaffung ideologisch geprägter Quellen-Blacklist-Systeme, mehr Transparenz über die tatsächlichen Machtzentren und ein Ende unbefristeter Sperren. Gerade der achte Punkt wirkt im Rückblick fast prophetisch. Sanger warnte davor, dass Administratoren unbequeme oder missliebige Nutzer dauerhaft aus dem System entfernen könnten, ohne dass eine faire und nachvollziehbare Kontrolle existiere. Nun trifft ihn selbst eine Sperre ohne Ablaufdatum.

 

Kritik unerwünscht: Wikipedia sperrt Mitgründer Larry Sanger