17. Mai 2026

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Expertenkommission fordert WHO auf, »internationalen Gesundheitsnotstand« zu erklären

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Das hat es noch nicht gegeben: Eine hochrangige Expertenkommission fordert die Weltgesundheitsorganisation WHO auf, umgehend ihre höchste Alarmstufe auszurufen. Wie zu Beginn der Covid-Pandemie solle WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus den »internationalen Gesundheitsnotstand« erklären.
Geboten sei dieser Schritt nicht etwa, weil ein Hantavirus gerade Grenzen überwindet oder eine andere tödliche Seuche ausgebrochen sei – sondern weil sich der Klimawandel immer weiter verstärke. Seine Folgen, darunter Hitzewellen, Brände, Dürren, Missernten und Extremwetter, bedrohten inzwischen das Leben von Millionen von Menschen.
Urheber der Forderung ist die »Paneuropäische Kommission Klima und Gesundheit«. Das elfköpfige, unabhängige Gremium wurde vor knapp einem Jahr vom Europa-Büro der WHO einberufen. Geleitet wird es von Katrín Jakobsdóttir, die bis April 2024 Premierministerin von Island war. Zu seinen Mitgliedern zählen unter anderem der frühere deutsche Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und die dänische Ex-EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard.
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WHO-Zentrale in Genf: 193 Mitgliedsstaaten entscheiden über die künftige Ausrichtung
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WHO-Zentrale in Genf: 193 Mitgliedsstaaten entscheiden über die künftige Ausrichtung

Foto: GFC Collection / IMAGO

Dem SPIEGEL liegt das 54-seitige »Call-to-Action«-Papier der Gruppe exklusiv vor. Am Sonntagnachmittag wird es offiziell an WHO-Chef Tedros in Genf übergeben. Ab Montag kommt dort die Weltgesundheitsversammlung zusammen, das höchste Entscheidungsgremium der WHO. Gesandte der 193 Mitgliedstaaten tagen bis einschließlich Samstag und legen die Ausrichtung der Organisation für die nächsten Jahre fest.
»Klimawandel müsste eigentlich schon lange ganz oben auf der Agenda der WHO stehen«, sagte Lauterbach dem SPIEGEL, »denn was macht ihn denn so gefährlich? Abgesehen von den ökonomischen Folgen sind es die Gesundheitskonsequenzen.«
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63 000 Hitzetote in Europa im Jahr 2024

Laut der Expertenkommission muss sich die WHO künftig stärker einbringen beim Kampf gegen die Klimakrise und ihre Folgen. Der Ernst der Lage werde gemeinhin massiv unterschätzt. »Die Klimakrise stellt eine Bedrohung für Sicherheit, sozialen Zusammenhalt, Menschenrechte und Gesundheit dar«, heißt es in dem Bericht. »Zu lange wurde sie als ein Problem künftiger Generationen betrachtet.«
Das gilt laut dem Report in besonderem Maße für Europa, das immer mehr zu einer Art Ground Zero für die Erwärmung wird. Die Temperaturen auf diesem Kontinent seien in den vergangenen Jahrzehnten etwa doppelt so stark gestiegen wie im globalen Durchschnitt. Die Folgen referiert der Bericht in aller Nüchternheit: Allein im Rekordhitzejahr 2024 seien 63.000 Menschen in Europa an hitzebedingten Ursachen gestorben. Diese Opferzahl werde in nicht so ferner Zukunft wohl noch übertroffen. Für den Erdteil seien »zunehmend schwerwiegende Auswirkungen« des Klimawandels zu erwarten.
Um diese zu lindern, macht die Kommission weitreichende Vorschläge, die das angestammte WHO-Terrain um neue Politikfelder erweitern würden. Unter anderem fordert sie den Aufbau eines Informationszentrums für Klima und Gesundheit, das Regierungen verlässliche Daten und wissenschaftlich fundierte Kommunikationshilfen gerade in der Auseinandersetzung mit Klimaleugnern liefern soll. Außerdem soll die WHO alle zwei Jahre Zeugnisse ausstellen und bewerten, wie gut oder schlecht Mitgliedstaaten ihre Gesundheitssysteme auf den Klimawandel vorbereiten.
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Suche nach neuem Krisenvokabular

Die Kommission macht nicht Halt bei der Reform der WHO, sie formuliert auch neue Pflichten für die einzelnen Mitgliedstaaten. Sie ruft deren Regierungen dazu auf, den Klimawandel als Bedrohung der nationalen Sicherheit anzuerkennen und entsprechend zu handeln. Außerdem sollten sie die immer noch weit verbreiteten Subventionen auf fossile Brennstoffe streichen. Deren Höhe beziffert der Bericht für das Jahr 2023 auf mindestens 444 Milliarden Euro – allein in Europa.
Es sind Vorschläge, die erahnen lassen: Wäre US-Präsident Donald Trump mit seinem Land nicht schon aus der WHO ausgetreten, so würde er es jetzt tun.
Was die in Genf konferierenden WHO-Mitgliedsstaaten mit den Kommissionsvorschlägen tun werden, bleibt abzuwarten. Lauterbach ist immerhin guter Dinge, dass der Bericht eine überfällige Debatte anstoßen könne. Damit die WHO allerdings eine »gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite« erklären kann, ist bislang laut ihrer Regularien zwingend eine akute Bedrohung durch gefährliche Krankheiten erforderlich. Das will Lauterbach geändert sehen.
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Kommissionsmitglied Lauterbach: »Klimawandel müsste ganz oben auf der Agenda der WHO stehen«
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Kommissionsmitglied Lauterbach: »Klimawandel müsste ganz oben auf der Agenda der WHO stehen«

Foto:

Soeren Stache / dpa
»Die Dimension der Gesundheitsgefahr, die vom Klimawandel ausgeht, ist weit jenseits derer, die von den meisten Pandemien droht«, sagt er. Es ergebe »keinen Sinn mehr, die Definition eines Gesundheitsnotfalls auf eine Pandemie zu begrenzen«. Ein Sommer mit Zehntausenden Hitzetoten sei seiner Meinung nach Anlass genug, eine Notlage zu erklären.
Die Kommission regt an, nach einem neuen, geeigneten Vokabular zu suchen. Wenn der Begriff »Notlage« auch tatsächlich den Krankheitsausbrüchen vorbehalten sei, so könne die WHO die Folgen des eskalierenden Klimawandels formell auch mit einem anderen Wort belegen. Wie immer dieses lauten möge: Die Rolle der WHO sollte künftig darin bestehen, die sich verschärfende Bedrohung für die Gesundheit infolge der Erwärmung anzuerkennen und koordinierte Gegenmaßnahmen zu mobilisieren, national wie international.
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