Die World Health Organization spricht von „Fortschritten“ – tatsächlich zeigt die jüngste Entscheidung zur Verlängerung der Verhandlungen über den sogenannten PABS-Anhang vor allem eines: Der zentrale Machtkonflikt hinter dem globalen Pandemieabkommen ist ungelöst.
Im Kern geht es um den Zugang zu Krankheitserregern und die Kontrolle über die daraus entstehenden Impfstoffe, Medikamente und Technologien. Genau dieser Mechanismus – Pathogen Access and Benefit Sharing (PABS) – ist laut WHO selbst das Herzstück des gesamten Abkommens. Ohne ihn kann der Vertrag nicht einmal in Kraft treten.
Doch gerade hier prallen Interessen frontal aufeinander.
DATEN GEGEN PROFITE: DER GLOBALE KONFLIKT
Offiziell soll PABS sicherstellen, dass Länder schnell gefährliche Erreger teilen und im Gegenzug fairen Zugang zu Impfstoffen erhalten.
In der Realität geht es um weit mehr:
- Wer Zugriff auf Virusdaten hat, kontrolliert die Entwicklung
- Wer Impfstoffe produziert, kontrolliert die Verteilung
- Wer Patente hält, kontrolliert die Gewinne
Entwicklungsländer fordern daher verbindliche Gegenleistungen – etwa garantierten Zugang zu Impfstoffen oder Technologietransfer. Industrienationen und Pharmakonzerne hingegen drängen auf schnellen Zugang zu Daten, ohne feste Verpflichtungen bei der Verteilung der daraus entstehenden Produkte.
Dass es bis heute keine Einigung gibt, ist kein Zufall, sondern Ausdruck dieses fundamentalen Interessenkonflikts.
BIG PHARMA IM HINTERGRUND
Besonders brisant: Der Streit dreht sich nicht nur um Staaten, sondern auch um die Rolle der Pharmaindustrie.
Ein funktionierendes PABS-System würde bedeuten, dass Unternehmen, die mit global bereitgestellten Virusdaten arbeiten, stärker in die Pflicht genommen werden – etwa bei Preisgestaltung oder Verteilung. Genau hier liegt der Widerstand.
Zivilgesellschaftliche Beobachter warnen bereits, dass vorgeschlagene „hybride Modelle“ die Verpflichtungen verwässern könnten und damit die Vorteile für ärmere Länder faktisch aushebeln. (Health Policy Watch)
Die Folge: Ein System, das offiziell „Gerechtigkeit“ verspricht, könnte in der Praxis erneut die bestehenden Machtverhältnisse zementieren.
EIN VERTRAG OHNE HERZSTÜCK
Die WHO versucht, die Verlängerung als Fortschritt zu verkaufen. Doch die Realität ist eine andere:
Ohne Einigung über PABS bleibt das Pandemieabkommen ein Torso.
Selbst Reuters berichtet, dass der gesamte Vertrag ohne diesen Mechanismus nicht in Kraft treten kann. (Reuters)
Damit steht die zentrale Frage im Raum:
Ist das Projekt politisch überhaupt durchsetzbar – oder scheitert es an den Interessen der mächtigsten Akteure?
FAZIT: KONTROLLE STATT KOOPERATION
Die Verlängerung der Verhandlungen ist kein technisches Detail, sondern ein klares Signal:
Der globale Kampf um Daten, Impfstoffe und Kontrolle ist offen.
Zwischen WHO-Rhetorik von „Solidarität“ und den wirtschaftlichen Interessen von Staaten und Pharmaindustrie klafft eine tiefe Lücke.
Solange diese nicht geschlossen wird, bleibt das Pandemieabkommen genau das, was es derzeit ist:
Ein politisches Projekt ohne Einigung über die entscheidende Frage – wer im nächsten globalen Gesundheitskrisenfall die Kontrolle übernimmt.
