Russland lenkt Gasströme nach Osten um – Der Iran-Krieg verschiebt die globale Energiearchitektur
Russland hat angekündigt, Gaslieferungen, die bislang für Europa bestimmt waren, verstärkt nach China, Indien, Thailand und auf die Philippinen umzuleiten. Vizepremier Alexander Nowak bestätigte, dass entsprechende Verhandlungen bereits laufen. Gleichzeitig haben bereits drei LNG-Tanker ihre Route geändert, europäische Häfen verlassen und asiatische Abnehmer angesteuert, die derzeit deutlich höhere Spotpreise zahlen.
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In westlichen Medien wird dieser Schritt häufig als eine Art politischer Strafmaßnahme Russlands gegen Europa dargestellt. Doch die Realität folgt einem wesentlich einfacheren und zugleich härteren Mechanismus: Russland folgt den Marktpreisen. Und diese haben sich infolge der jüngsten Eskalation im Nahen Osten massiv nach Osten verschoben. Auslöser dafür ist der Krieg mit dem Iran und insbesondere die amerikanischen Luftangriffe, die die Energiemärkte innerhalb weniger Tage erschütterten.
Noch vor dem 28. Februar lag der Preis für europäisches TTF-Gas bei rund 35 Euro pro Megawattstunde. Am 6. März hatte sich der Preis bereits bei 52,81 Euro eingependelt – ein Anstieg von rund 50 Prozent innerhalb eines Monats. Parallel dazu explodierten die asiatischen Preise: JKM-Spotlieferungen liegen inzwischen bei über 20 US-Dollar pro Million BTU. Bangladesch zahlte für Notlieferungen sogar 28,28 US-Dollar pro Million BTU. Damit hat sich eine enorme Arbitragemöglichkeit eröffnet. LNG, das zu langfristigen europäischen Vertragspreisen verkauft würde, kann in Asien mit massiven Krisenaufschlägen gehandelt werden – eine Situation, die zuletzt während der Energiekrise von 2022 zu beobachten war.
Die strukturellen Veränderungen verstärken diesen Effekt. Russland lieferte im Jahr 2025 rund 13,8 Millionen Tonnen LNG nach Europa. Gleichzeitig hat die Europäische Union beschlossen, russische Gasimporte schrittweise zu reduzieren. Kurzfristige LNG-Verträge sind ab Ende April verboten. Bis zum Jahresende soll ein vollständiges Verbot russischer LNG-Importe gelten, und ab 2027 soll nur noch Pipelinegas geliefert werden. Moskau reagiert auf diese Politik nicht mit Widerstand, sondern nutzt sie strategisch aus. Jede LNG-Ladung, die vor Inkrafttreten dieser Verbote nach Asien umgeleitet wird, kann dort in langfristige Verträge mit Abnehmern überführt werden, die Russland nicht per Gesetz aus der Geschäftsbeziehung drängen werden.
Diese Entwicklung trifft auf eine außergewöhnliche Konstellation gleichzeitiger Energiekrisen. Katar musste nach einem Drohnenangriff auf das LNG-Terminal Ras Laffan am 2. März höhere Gewalt erklären. Damit fielen rund 20 Prozent der weltweiten LNG-Lieferungen aus. Gleichzeitig konkurrieren asiatische und europäische Käufer nun um jede einzelne verfügbare Tankladung auf dem Seeweg. Die Straße von Hormus gilt wegen Versicherungsrückzügen und militärischer Eskalation faktisch als blockiert. Unter diesen Bedingungen bleibt Russland der einzige große Energieexporteur, dessen Lieferketten weder durch den Persischen Golf noch durch die Straße von Hormus verlaufen. Damit ist Russland derzeit der einzige Produzent, der asiatische Märkte beliefern kann, ohne durch ein aktives Kriegsgebiet zu transportieren.
Ob diese Situation strategisch geplant wurde, ist letztlich zweitrangig. Die strukturelle Lage der Märkte sorgt automatisch für diesen Effekt. Jeder Dollar, um den der Brent-Ölpreis über 70 Dollar steigt, bringt Russland jährlich rund eine Milliarde Dollar zusätzliche Staatseinnahmen. Die derzeitigen LNG-Spotprämien verstärken diesen Effekt noch erheblich. Der Krieg mit dem Iran entwickelt sich damit zu einem der profitabelsten Ereignisse für den russischen Staatshaushalt seit dem Preisschock von 2022 – und Moskau musste dafür keine einzige Rakete abfeuern.
Ein weiteres Signal kam am 6. März aus Washington. Das US-Finanzministerium erteilte eine 30-tägige Ausnahmeregelung, die es Indien erlaubt, russisches Rohöl weiterhin direkt zu kaufen. Diese Entscheidung bestätigt letztlich, was die Energiemärkte bereits erkannt haben: Da die Lieferungen aus der Golfregion unsicher geworden sind und Katar teilweise ausfällt, ist russische Energie nicht länger ein sanktioniertes Gut, das man vermeiden sollte. Sie ist derzeit schlicht die einzige verlässlich verfügbare Alternative.
Europa befindet sich damit in einer paradoxen Situation. Die Gaspreise steigen um rund 50 Prozent, ausgelöst durch einen Krieg, den Europa weder begonnen hat noch geografisch kontrollieren kann. Gleichzeitig werden Lieferungen, die Europa ohnehin politisch zurückdrängen wollte, nun von asiatischen Käufern überboten. Die LNG-Tanker, die nun nach Osten fahren, transportieren russisches Gas dorthin, wo der höchste Preis gezahlt wird. Und Asien – mit stärkeren Staatsfinanzen und einem dringenderen Energiebedarf – wird Europa bei diesen Auktionen fast immer übertreffen.
Russland instrumentalisiert die Energie in diesem Fall nicht. Der Krieg selbst tut es. Moskau kassiert lediglich die Rechnung.
Für Europa könnten die Folgen erheblich sein. Wenn LNG-Lieferungen verstärkt nach Asien umgeleitet werden und gleichzeitig Energieexporte aus dem Persischen Golf durch den Krieg mit dem Iran ausfallen oder unsicher werden, droht erneut ein massiver Preisschock auf den europäischen Gas- und Strommärkten. Bereits jetzt konkurrieren asiatische Käufer mit Europa um jede verfügbare Tankladung und sind oft bereit, deutlich höhere Preise zu zahlen. Dadurch könnten Lieferungen, die früher nach Europa gingen, dauerhaft in asiatische Märkte umgelenkt werden, wo langfristige Verträge abgeschlossen werden. Für die europäische Industrie würde dies einen weiteren Verlust günstiger Energie bedeuten – mit steigenden Produktionskosten, wachsendem Inflationsdruck und einer beschleunigten Deindustrialisierung in Teilen der EU.
