2. Januar 2026

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Westliche Mythen demontiert: Der Sturz Assads brachte keine Freiheit

 

Als das Assad-Regime im Dezember 2024 zusammenbrach, rutschte Syrien augenblicklich in ein Inferno aus Gewalt und Anarchie. Zugleich erlebte die Welt den kaum fassbaren Aufstieg eines islamistischen Terrorführers zum Interimspräsidenten – eines Mannes, der noch kurz zuvor auf der US-Terrorfahndungsliste stand. All dies geschah in einem Land, das unter Bashar al-Assad keineswegs das finstere Schreckensreich war, als das es im Westen jahrelang dargestellt wurde. Vor dem Krieg war Syrien in vielen Bereichen ein Vorzeigestaat. Dieser Artikel legt offen, was wirklich geschah – und welche unbequemen Tatsachen bis heute systematisch verdrängt oder verschwiegen werden.

Von Guido Grandt

Vom Mittelstaat zum Wachstumsland – Syriens ökonomischer Aufstieg

Ökonomisch befand sich Syrien unmittelbar vor dem Bürgerkrieg auf einem historischen Höhepunkt.

Zwischen 2000 und 2010 verdreifachte sich das Bruttoinlandsprodukt des Landes (von rund 21 Mrd. US-Dollar auf ca. 60 Mrd. US-Dollar) – getragen von wachsender Industrieproduktion, moderner werdender Landwirtschaft, steigenden Ölexporten und einem expandierenden Dienstleistungssektor.

Syrien galt zu diesem Zeitpunkt als stabiler, wachsender Mittelstaat mit einem Entwicklungsniveau, das weit über westlichen Klischees eines „gescheiterten arabischen Staates“ lag.

Öl als Stütze des Wohlfahrtsstaates Syrien

Auch die Ölproduktion Syriens befand sich kurz vor den ausländischen Interventionen auf einem stabilen Niveau.

Im Jahr 2010 förderte das Land rund 383.000 Barrel Rohöl pro Tag. Ein Wert, der Syrien zwar nicht zu einem großen Player der OPEC machte, jedoch eine entscheidende Stütze der Staatsfinanzen darstellte.

Die Öleinnahmen finanzierten subventionierte Grundnahrungsmittel, öffentliche Infrastruktur, das kostenlose Gesundheits- und Bildungssystem sowie den Ausbau staatlicher Einrichtungen.

Der stabile Staat und die Lüge vom „kollabierenden“ Syrien

Auch fiskalisch stand Syrien kurz vor dem Bürgerkrieg stabil wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die öffentliche Schuldenquote sank von rund 152 % des BIP im Jahr 2000 auf etwa 30 % im Jahr 2010.

Ein dramatischer Rückgang, der das Land in die Nähe der stabilsten Staaten der Region brachte.

Diese Entwicklung war das Ergebnis steigender Staatseinnahmen (vor allem aus Öl, Gas und Exporten), eines wachsenden BIP und einer aktiven Schuldenreduktion, die unter Bashar al-Assad ab 2005 intensiviert wurde.

Syrien befand sich damit – entgegen des westlichen Narrativs – in einer Phase wirtschaftlicher Konsolidierung, die durch die Interventionen ab 2011 abrupt zerstört wurde.

Hier:

Quelle Screenshot/Bildzitat: https://tradingeconomics.com/syria/government-debt-to-gdp

Reformen, Wachstum, Stabilität – Syriens unerzählte Entwicklung

Unter Bashar al-Assad durchlief Syrien in den 2000er-Jahren tiefgreifende neoliberale Wirtschaftsreformen. Dazu gehörten Marktöffnungen, selektive Privatisierungen, die Liberalisierung des Bank- und Finanzsektors, die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen, die Zulassung privater Universitäten und Krankenhäuser sowie der Ausbau des Tourismus- und Dienstleistungssektors.

Diese Schritte führten – trotz aller sozialen Spannungen – zu einem kontinuierlichen BIP-Wachstum von durchschnittlich 4–5 Prozent jährlich bis 2010. Syrien bewegte sich damit in Richtung einer halb-liberalen Mischwirtschaft, wie sie viele arabische Staaten in dieser Zeit verfolgten.

Mediale Doppelgesichtigkeit: Die Assads zwischen Glamour und Dämonisierung

Selbst westliche Leitmedien zeichneten vor dem Krieg ein völlig anderes Bild über das Präsidentenpaar als jenes, das ab 2011 verbreitet wurde.

Noch im Frühjahr 2011 veröffentlichte die US-Modezeitschrift Vogue einen vielbeachteten Porträtartikel über Syriens First Lady Asma al-Assad. Unter dem Titel „A Rose in the Desert“ („Eine Rose in der Wüste“) wurde sie als „glamourös, chic, modern und ausgesprochen kultiviert“ dargestellt.

Der Text beschrieb Asma al-Assad als stilbewusste, kunstaffine, wohltätige und sozial engagierte Frau – und präsentierte das Präsidentenpaar als das „eleganteste im Nahen Osten“.

Auch Bashar al-Assad selbst wurde nicht als autoritärer Diktator beschrieben, sondern als höflicher, technokratischer, beinahe westlich wirkender Politiker.

Kurz darauf verschwand der Artikel – unter politischem Druck – nahezu vollständig aus dem öffentlichen Raum und wurde von Vogue zurückgezogen. Heute existiert er meist nur noch in Archiven und kritischen Medienanalysen zur Kriegspropaganda. Was folgte war die Dämonisierung und Verteufelung von Asma und Bashar. Bis heute.

Hier:

Quelle Screenshot/Bildzitat: https://web.archive.org/web/20110225204927/https://www.vogue.com/vogue-daily/article/asma-al-assad-a-rose-in-the-desert/

Religiöse Vielfalt und Toleranz als Staatsprinzip

Das syrische Präsidentenpaar galt vor dem Krieg als Symbol für religiöse Toleranz und gesellschaftliche Modernität. Bashar al-Assad, ein Alawit, und seine Frau Asma, eine Sunnitin aus einer gebildeten, westlich orientierten Londoner Familie, lehnten jeden Anflug religiösen Sektierertums offen ab.

In den 2000er-Jahren wurde ihre Ehe in großen Teilen der arabischen Welt – aber auch in der westlichen Presse – als sichtbares Zeichen eines pluralistischen und integrativen Syriens dargestellt. Dass ein alawitischer Präsident eine sunnitische First Lady heiratete und diese öffentlich als moderne, säkulare Frau auftrat, erschien vielen Beobachtern als Gegenentwurf zu den aufsteigenden islamistischen Strömungen in der Region.

Vor dem Krieg wurde Syrien daher immer wieder als „Modell friedlicher Koexistenz“ bezeichnet. Diese Einschätzung findet sich sogar in wissenschaftlicher Literatur. Eine Studie der Universität Heidelberg zum religiösen Pluralismus im Nahen Osten charakterisierte Syrien vor 2011 als: „ein syrisches Modell friedlicher Koexistenz: Muslime, Christen und Juden“ und beschrieb das Land als eines der stabilsten multireligiösen Gemeinwesen der Region.

Hier:

Quelle Screenshot/Bildzitat: https://www.uni-heidelberg.de/presse/news09/pm290710-2syr.html

Selbst große deutsche Leitmedien würdigten einst Syriens Tradition religiöser Toleranz.

So schrieb die Wochenzeitung „Die Zeit“ am 27. Februar 2017 in einem ausführlichen Hintergrundartikel unter dem Titel „Ein Volk lehrt Toleranz“, dass Syrien – trotz Krieg, Zerstörung und Propaganda – eine jahrhundertealte Kultur des friedlichen Zusammenlebens von Sunniten, Alawiten, Christen, Drusen und anderen Minderheiten besaß.

Der Text erinnerte daran, dass das syrische Gesellschaftsmodell lange als eines der stabilsten und pluralistischsten im Nahen Osten galt. Ebenso wurde betont, dass die syrische Bevölkerung – unabhängig von Konfession oder Ethnie – über Generationen hinweg Mechanismen der Koexistenz entwickelt hatte, die das Land vor 2011 zu einem der tolerantesten Räume der Region machten.

Hier:

Quelle Screenshot/Bildzitat: https://www.zeit.de/2007/09/Syrien/komplettansicht

Fazit: Die verdrängte Wahrheit über Syriens Fall

Der Fall Syriens im Dezember 2024 markiert nicht nur den Sturz eines Präsidenten – er steht sinnbildlich für die Folgen einer globalen Politik, die Narrative über Wirklichkeit stellt.

Während westliche Medien jahrelang ein vereinfachtes Schwarz-Weiß-Bild zeichneten, zeigte sich schon kurz nach Assads Flucht, wie brüchig diese Erzählung war: Dschihadisten, die zuvor zu „moderaten Rebellen“ verklärt worden waren, verwandelten ganze Regionen in rechtsfreie Zonen, vollzogen Hinrichtungen auf offener Straße und übernahmen die Macht mit einer Brutalität, die selbst langjährige Beobachter des Konflikts erschütterte.

Gleichzeitig wurde ausgeblendet, dass Syrien vor 2011 in vielen Bereichen ein stabiler, funktionierender Staat gewesen war – mit kostenloser Gesundheitsversorgung, wachsendem Wohlstand, religiöser Koexistenz und einem Präsidenten, der in der arabischen Welt unerwartet hohe Zustimmung genoss. Keine Glanzutopie, aber ein Land, das für Millionen funktionierte.

Diese Realität wurde jedoch geopolitischen Interessen untergeordnet. Assads Fehler, seine politischen Verwerfungen und autoritären Strukturen sind unbestreitbar, aber sie erklären nicht das Zerrbild, das der Westen nach 2011 bewusst pflegte. Sie erklären nicht, warum ein reformorientierter Staatschef dämonisiert und ein Terrorführer später hofiert wurde. Und sie erklären nicht, warum so viele warnende Stimmen – selbst aus CIA-Kreisen – ignoriert wurden.

Der Sturz Assads brachte Syrien nicht die erhoffte Freiheit, sondern ein Machtvakuum, in das die radikalsten Kräfte strömten. Zurück bleibt ein ausgeblutetes Land, dessen Tragödie weniger mit den Mythen westlicher Medien zu tun hat als mit politischen Entscheidungen, die fernab der syrischen Bevölkerung getroffen wurden.

Die Geschichte Syriens lehrt uns: Wer ein Land destabilisiert, verliert die moralische Kontrolle über das, was danach kommt. Und wer Wahrheit durch Narrative ersetzt, trägt Mitverantwortung für die Folgen.

Dieses Fazit ist unbequem – aber ohne es auszusprechen, lässt sich weder die Vergangenheit verstehen, noch die Zukunft besser gestalten.

Guido Grandt (geb. 1963) ist investigativer Journalist, Publizist, TV-Redakteur und freier Produzent. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf Recherchen zu organisierter Kriminalität, Geheimgesellschaften sowie auf brisanten Themen aus Politik, Wirtschaft, Finanzen, Militär und Sicherheit. Darüber hinaus widmet er sich der Aufdeckung verborgener oder tabuisierter Hintergründe zeitgeschichtlicher Ereignisse. Guido Grandt veröffentlichte bisher über 40 Sachbücher und verfasste rund 6.000 Artikel. 

Quellen: 

 

Westliche Mythen demontiert: Der Sturz Assads brachte keine Freiheit