„Sanktionen als Waffe“ – Prof. Marandi kritisiert US-Politik gegenüber dem Iran scharf
Die Beziehung zwischen den USA und dem Iran ist seit Jahrzehnten von Misstrauen, Konflikten und geopolitischen Machtinteressen geprägt. Für den iranischen Politikwissenschaftler Prof. Marandi ist dabei jedoch klar: Die Eskalation sei nicht das Ergebnis isolierter Ereignisse, sondern Ausdruck einer langfristigen Strategie Washingtons, die weit über klassische Diplomatie hinausgehe.
Seine Argumentation beginnt mit einem historischen Wendepunkt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 habe es kurzzeitig die Möglichkeit gegeben, dass sich die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran verbessern könnten. Teheran habe die Anschläge verurteilt und sogar Informationen an US-Geheimdienste weitergegeben, um bei der Bekämpfung von Al-Qaida zu helfen. In iranischen Regierungskreisen habe damals die Hoffnung bestanden, dass Washington seine Politik überdenken könnte.
Doch diese Hoffnung sei schnell zerstört worden. Mit der berühmten „Achse des Bösen“-Rede von US-Präsident George W. Bush im Jahr 2002 wurde der Iran öffentlich als zentraler Gegner der USA gebrandmarkt – trotz seiner Rolle als Gegner extremistischer Gruppen. Für Marandi ist das ein entscheidender Moment: Statt Annäherung habe Washington auf Konfrontation gesetzt und damit den Grundstein für die weitere Eskalation gelegt.
Im Zentrum seiner Kritik steht das Sanktionsregime der USA. Was oft als gezielte Maßnahme gegen die iranische Regierung dargestellt werde, sei in Wirklichkeit ein globales Druckinstrument. Durch sogenannte sekundäre Sanktionen hätten die USA nicht nur eigene Unternehmen eingeschränkt, sondern weltweit Banken, Reedereien und Staaten gezwungen, ihre Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran abzubrechen. Wer sich nicht daran hielt, riskierte den Ausschluss vom US-dominierten Finanzsystem.
Für Marandi ist das kein normales außenpolitisches Instrument mehr, sondern „finanzieller Imperialismus“. Die wirtschaftliche Macht der USA werde genutzt, um andere Länder zu politischem Gehorsam zu zwingen – unabhängig davon, ob diese selbst ein Interesse an Kooperation mit dem Iran hätten.
Die Folgen seien vor allem für die iranische Bevölkerung gravierend gewesen. Inflation habe Ersparnisse entwertet, während Engpässe bei Medikamenten und Ersatzteilen – etwa für die zivile Luftfahrt – konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben gehabt hätten. Die Darstellung westlicher Medien, die Sanktionen richteten sich ausschließlich gegen die Regierung, weist Marandi deshalb entschieden zurück. Aus seiner Sicht handelt es sich um kollektive Bestrafung, die gezielt sozialen Druck erzeugen soll, um politische Veränderungen zu erzwingen.
Ein besonders kritischer Punkt seiner Analyse ist das Atomabkommen von 2015. Der sogenannte JCPOA galt international als diplomatischer Durchbruch. Der Iran verpflichtete sich, sein Atomprogramm massiv einzuschränken, Uranbestände zu reduzieren und weitreichende internationale Kontrollen zuzulassen. Im Gegenzug sollten die Sanktionen aufgehoben und das Land wieder in die Weltwirtschaft integriert werden.
Doch genau hier sieht Marandi einen fundamentalen Bruch. Obwohl internationale Kontrollbehörden wiederholt bestätigten, dass der Iran seine Verpflichtungen einhielt, habe Washington nach seiner Darstellung die wirtschaftliche Öffnung aktiv behindert. Banken und Unternehmen seien weiterhin unter Druck gesetzt worden, keine Geschäfte mit Teheran einzugehen. Damit sei der zentrale Nutzen des Abkommens für den Iran faktisch ausgehebelt worden.
Für Marandi ist das der Beweis, dass die USA Diplomatie nicht als Mittel zur Konfliktlösung nutzen, sondern als strategisches Werkzeug. Abkommen würden geschlossen, um politischen Druck aufzubauen – und anschließend durch wirtschaftliche Machtmechanismen unterlaufen.
Diese Sichtweise führt zu einer grundsätzlichen Kritik an der internationalen Ordnung. Die Dominanz des US-Finanzsystems ermögliche es Washington, globale Regeln einseitig durchzusetzen. Staaten, die sich dem widersetzen, würden nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich isoliert.
Aus dieser Perspektive erscheint der Konflikt zwischen den USA und dem Iran nicht als klassischer geopolitischer Streit, sondern als Teil eines größeren Systems, in dem wirtschaftliche Instrumente gezielt zur Durchsetzung politischer Ziele eingesetzt werden.
Marandis Analyse ist eindeutig und provokant. Sie stellt nicht nur einzelne Entscheidungen infrage, sondern das gesamte Machtgefüge, in dem sie getroffen werden. Seine zentrale Botschaft lautet: Solange wirtschaftlicher Druck als politisches Hauptinstrument eingesetzt wird, bleibt echte Diplomatie eine Illusion – und Konflikte werden nicht gelöst, sondern lediglich verwaltet und verschärft.
