Was als „Vereinfachung für den Kindergarten“ verkauft wird, ist in Wahrheit der Einstieg in eine lebenslange digitale Identität ab dem ersten Lebenstag. Der australische Bundesstaat Victoria hat ein Pilotprojekt für digitale Geburtsurkunden gestartet. Papierdokumente werden dabei in appbasierte Identitätsnachweise umgewandelt – verknüpft mit Australiens nationalem Digital-ID-System, noch bevor ein Kind überhaupt sprechen kann.
Der Test läuft über die Service-Victoria-App. Eltern können dort die Geburtsurkunde ihres Kindes als digitales Dokument hinterlegen, offiziell für die Einschreibung in den Kindergarten. Drei Kommunen beteiligen sich am Pilotprojekt. Die Regierung spricht von „Komfort“ und „Bürokratieabbau“. Doch tatsächlich entsteht hier die technische Grundlage für eine dauerhafte digitale Identitätsverfolgung – weit über Vorschule und Schulverwaltung hinaus.
Aktuell betrifft der Test Kinder, die nach dem 19. Februar 2019 geboren wurden, eine viktorianische Geburtsurkunde besitzen und in den beteiligten Regionen wohnen. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Bevölkerung. Die Infrastruktur, die aufgebaut wird, ist jedoch universell angelegt.
Wer die digitale Geburtsurkunde beantragen will, muss mehr tun als eine App herunterladen. Eltern benötigen das Originaldokument, zusätzliche Identitätsnachweise und eine bereits verifizierte digitale Identität im Service-Victoria-System. Erst nach Prüfung erscheint das digitale Dokument in der App-Wallet.
Geburtsurkunden werden damit von einem einfachen Personenstandsnachweis zu einem digitalen Infrastruktur-Element. Offiziell sollen sie Identitätsprüfungen vereinfachen und Mehrfachnachweise vermeiden. Faktisch entsteht jedoch eine dauerhafte Verknüpfung zwischen juristischer Identität und sämtlichen staatlichen oder privaten Dienstleistungen – von Geburt an.
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Das Pilotprojekt startet kurz nach Verabschiedung des australischen Digital-ID-Gesetzes. Während auf Bundesebene die Rahmenbedingungen geschaffen werden, implementieren Bundesstaaten bereits konkrete Anwendungen. So entsteht schrittweise ein System, das landesweit staatliche und private Dienste miteinander verbinden kann.
Service Victoria bezeichnet die neuen Dokumente als „wallet-basiert“, was nach Kontrolle durch den Nutzer klingt. Doch diese Kontrolle ist begrenzt. Eltern entscheiden lediglich, ob sie die digitale Version nutzen. Sie entscheiden nicht darüber, welche Verifizierungsdaten gespeichert werden, wie lange sie aufbewahrt bleiben oder welche Behörden und Systeme künftig darauf zugreifen können. Die App speichert das Zertifikat – der Staat speichert die Daten.
Zudem bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. Wie funktioniert die Sperrung oder Aktualisierung einer digitalen Geburtsurkunde? Wer trägt Verantwortung bei Datenmissbrauch? Wie wird sichergestellt, dass Authentifizierungsprozesse nicht neue Überwachungsstrukturen schaffen? Was passiert, wenn das Kind volljährig wird und seine Identität selbst verwalten möchte? Wem gehören die über Jahre angesammelten Identitätsdaten?
Das Pilotprojekt liefert darauf keine klaren Antworten. Es schafft zunächst technische Tatsachen – Governance und Kontrolle sollen offenbar später geregelt werden. Erfahrungsgemäß neigen Identitätssysteme, die zuerst gebaut und erst danach reguliert werden, dazu, sich auszuweiten. Neue Funktionen, neue Datennutzungen, neue Schnittstellen entstehen – oft ohne öffentliche Debatte.
Eltern, die ihre Kinder für den Kindergarten anmelden, werden nicht gefragt, ob sie eine lebenslange digitale Identitätsarchitektur für ihr Kind wünschen. Sie erhalten lediglich ein bequemes Angebot per App. Doch dieses „Komfortangebot“ errichtet im Hintergrund genau jene Infrastruktur, die ein dauerhaftes digitales Identitäts- und Nachverfolgungssystem ermöglicht – beginnend mit dem ersten Atemzug.
