Während sich die Welt mit Kriegen, Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit beschäftigt, diskutierten mehr als 1.700 Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft beim Summer Davos 2026 des Weltwirtschaftsforums (WEF) in der chinesischen Hafenstadt Dalian über die Technologien und Wirtschaftsmodelle der Zukunft. Offiziell stand das Treffen unter dem Motto „Innovating at Scale“ („Innovation im großen Maßstab“).
Doch für Kritiker zeigt sich hinter den offiziellen Schlagworten ein weitreichender Umbau der Gesellschaft – von der Ernährung über den Umgang mit der Natur bis hin zur Rolle künstlicher Intelligenz und autonomer Roboter.
Künstliche Lebensmittel statt Landwirtschaft
Besonders kontrovers verliefen Diskussionen über sogenannte Präzisionsfermentation und synthetisch hergestellte Lebensmittel.
Unternehmen präsentierten Technologien, mit denen Fette, Öle und andere Nahrungsmittel künftig im Labor produziert werden sollen. Befürworter argumentieren, dadurch ließen sich Flächenverbrauch, Wasserverbrauch und Treibhausgasemissionen deutlich reduzieren.
Kritiker sehen darin jedoch weit mehr als nur eine neue Lebensmitteltechnologie.
Sie befürchten eine schrittweise Verdrängung traditioneller Landwirtschaft zugunsten industriell produzierter Nahrungsmittel, deren Herstellung künftig von wenigen globalen Technologieunternehmen kontrolliert werden könnte. Die Vorstellung, dass immer mehr natürliche Lebensmittel durch patentierte, künstlich erzeugte Alternativen ersetzt werden, stößt insbesondere bei Landwirten und Verbraucherschützern auf Skepsis.
Natur wird zum Wirtschaftsgut
Ein weiterer Schwerpunkt war die zunehmende wirtschaftliche Bewertung der Natur.
Seit Jahren wirbt das WEF dafür, sogenannte Naturkapital-Modelle stärker in die Wirtschaft zu integrieren. Wälder, Flüsse, Böden oder Ökosysteme sollen künftig nicht nur als Umwelt betrachtet, sondern auch wirtschaftlich bewertet und in Finanzsysteme eingebunden werden.
Befürworter sehen darin einen besseren Schutz natürlicher Ressourcen.
Kritiker warnen dagegen vor einer fortschreitenden Finanzialisierung der Natur. Was bisher Allgemeingut war, könne zunehmend in handelbare Vermögenswerte umgewandelt werden – mit weitreichenden Folgen für Eigentumsrechte und den Zugang zu natürlichen Ressourcen.
KI verlässt den Computer
Auch künstliche Intelligenz stand im Mittelpunkt des Treffens.
Dabei ging es längst nicht mehr nur um Chatbots oder Bürosoftware.
Diskutiert wurden intelligente Fabriken, autonome Produktionsanlagen, sogenannte World Models, lernfähige Roboter sowie der massive Ausbau der Infrastruktur, die für den Betrieb immer leistungsfähigerer KI-Systeme notwendig ist. (World Economic Forum)
Aus Sicht des WEF soll KI künftig nahezu alle Wirtschaftsbereiche effizienter machen. Kritiker warnen hingegen vor einer immer stärkeren Automatisierung menschlicher Entscheidungen und einer zunehmenden Abhängigkeit von großen Technologieplattformen.
Roboter im Alltag
Auch humanoide Roboter gehörten zu den wichtigsten Zukunftsthemen.
Nicht mehr nur Fabriken, sondern Pflege, Dienstleistungen und private Haushalte sollen künftig verstärkt durch autonome Systeme unterstützt werden. Gleichzeitig beschäftigen sich WEF-Beiträge mit der Frage, wie Menschen lernen sollen, mit intelligenten Maschinen zusammenzuleben.
Für Kritiker ist dies ein weiterer Schritt hin zu einer Gesellschaft, in der digitale Systeme immer stärker in den Alltag eingreifen.
Die größere Vision
Offiziell beschreibt das Weltwirtschaftsforum seine Rolle als Plattform, auf der Regierungen, Unternehmen und Wissenschaft gemeinsam Lösungen für globale Herausforderungen entwickeln. Themen wie künstliche Intelligenz, Energieversorgung, Lieferketten und technologische Innovation standen deshalb im Mittelpunkt des diesjährigen Treffens.
Kritiker sehen jedoch ein wiederkehrendes Muster: Immer häufiger würden zentrale gesellschaftliche Bereiche – Ernährung, Energie, Mobilität, Natur und digitale Technologien – in umfassende Transformationskonzepte eingebunden, die maßgeblich von internationalen Organisationen und großen Konzernen vorangetrieben werden.
Aus ihrer Sicht geht es längst nicht mehr nur um technische Innovationen. Vielmehr stelle sich die grundsätzliche Frage, wer künftig die Regeln für Ernährung, Wirtschaft, Natur und digitale Infrastruktur festlegt – demokratisch gewählte Institutionen oder ein Netzwerk globaler Akteure, das auf Veranstaltungen wie dem Summer Davos gemeinsame Leitlinien entwickelt.
