In einem aktuellen Interview analysiert der ehemalige UN-Waffeninspektor und Militärexperte Scott Ritter die Entscheidung der USA, eine Marine Expeditionary Unit (MEU) mit etwa 2.500 Marines in den Nahen Osten zu verlegen. Ritter warnt eindringlich davor, dass dieser Schritt in eine katastrophale Falle führen könnte.
Er zieht historische Parallelen und bewertet die militärische Lage realistisch: Die USA und ihre Verbündeten stecken in einem verlorenen Krieg gegen den Iran fest, der die Initiative hat und die Eskalation diktiert.
Die Verlegung: Eine Marine Expeditionary Unit auf dem Weg in den Nahen Osten
Laut Berichten der Wall Street Journal wird eine MEU an Bord der in Japan stationierten USS Tripoli in den Nahen Osten verlegt – wahrscheinlich mit Marines aus Okinawa. Diese Einheit umfasst rund 2.500 Soldaten, darunter ein verstärktes Bataillon mit Zusatzeinheiten für Aufklärung, Logistik, Hubschrauber, Starrflügler und Artillerie (ohne Panzer, da diese beim USMC ausgemustert wurden).
Ritter erklärt, dass MEUs für schnelle, expeditionäre Operationen konzipiert sind. Sie operieren oft von Amphibien-Schiffen aus, landen per Landungsboot oder Hubschrauber und sind für begrenzte Zeit autark.
Die Einheit ist jedoch nur kurzfristig einsetzbar und verfügt über begrenzte Kampfkraft. Ritter fragt sich, welche MEU genau verlegt wird – ob sie bereits im Einsatz ist oder aus Basen wie Okinawa oder Australien kommt.
Die Verlegung erfolgt zwei Wochen nach Beginn des Konflikts, in dem die USA und Israel als Aggressoren massive Rückschläge erleiden. Diese Eskalation sei eine verzweifelte Reaktion auf die iranische Initiative, keine echte Strategie.
Historische und strategische Kritik: Warum amphibische Angriffe veraltet sind
Ritter beruft sich auf den ehemaligen Commandant des Marine Corps, General David Berger, der die nationalen Sicherheitsstrategien überprüfte. Dabei stellte er fest, dass die traditionellen amphibischen Angriffskonzepte aus dem Zweiten Weltkrieg (z. B. Iwo Jima, Tarawa) durch moderne A2/AD-Waffen (Anti-Access/Area Denial) wie Raketen und Drohnen obsolet geworden seien.
Ein Treffer auf ein Amphibien-Schiff könnte bis zu 900 Marines kosten – und damit das Ende der Operation bedeuten.
Berger versuchte, neue Strukturen im Pazifik einzuführen: kleinere Schiffe mit bis zu 75 Marines, verteilte Kräfte und Langstreckenwaffen gegen China. Dieses Konzept wurde jedoch später als gescheitert erklärt. Ritter bezeichnet die gesamte Idee als „Fantasy und Luftschlösser“.
Eine MEU – nur Bataillonsstärke – könne strategische Ziele wie die Insel Qeshm (im Transkript oft als „Car Island“ phonetisch wiedergegeben) nicht halten. Ein Bataillon sei zu schwach für eine dauerhafte Besetzung. Verstärkungen würden eine Brigade erfordern, was den Einsatz massiv eskalieren würde.
Die iranischen Kräfte auf solchen Inseln seien eingebunkert, mit vorbereiteten Feuerstellungen, Drohnen und begrenzter US-Luftabwehr (hauptsächlich tragbare MANPADS mit begrenzter Munition). Wellen von Drohnen könnten die Marines überrollen.
Mögliche Szenarien: Von Raid bis Katastrophe
Ein voller Angriff sei unmöglich, aber ein Raid – ein schneller Vorstoß mit anschließendem Rückzug – könnte machbar sein.
Marines gelten als Meister solcher Operationen: Überraschung, extreme Gewalt, Zerstörung von Zielen, Gefangennahme und anschließend geplanter Rückzug.
Von sicheren Basen, etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten, könnten kleine Boote und Hubschrauber eingesetzt werden, ohne große Schiffe wie die USS Tripoli in Reichweite iranischer Raketen zu bringen.
Doch selbst ein Raid birgt enorme Risiken. Ritter erinnert an den Mayaguez-Zwischenfall 1975 auf Koh Tang Island: Hubschrauber wurden abgeschossen, Kräfte geteilt und beinahe überrannt, drei Marines wurden zurückgelassen, gefangen genommen und später hingerichtet.
Qeshm könnte laut Ritter „das nächste Koh Tang“ werden – die iranischen Streitkräfte seien vorbereitet.
Aus eigener Erfahrung berichtet Ritter von Planungen während des Golfkriegs unter General Al Gray für einen Raid auf irakische Logistikziele. Dieser wurde verworfen, weil er propagandistisch gewesen wäre und eine Kompanie Marines unnötig gefährdet hätte.
Er hoffe, dass die heutige Marine-Führung ebenso entscheidet: Leben schützen statt politische Show.
Irans Dominanz: Initiative, OODA-Loop und wirtschaftlicher Hebel
Iran habe die Initiative und diktiere das Tempo der Eskalation.
Ritter erklärt dabei John Boyds OODA-Loop (Observe, Orient, Decide, Act): Iran beobachte US-Aktionen, orientiere sich schneller, entscheide und handle – und bleibe damit stets einen Schritt voraus.
Die USA reagierten nur noch: THAAD- und Patriot-Systeme wurden aus Südkorea und dem Pazifikraum abgezogen, Bodentruppen würden erwogen – alles Reaktionen auf iranische Erfolge.
Iran kontrolliere zudem die Straße von Hormuz. Trotz US-Behauptungen, die iranische Marine sei versenkt worden, seien große Kriegsschiffe für diese Aufgabe irrelevant.
Die IRGC-Arif-Brigade mit vier Bataillonen Küstenraketen könne den Durchgang blockieren. Iran habe damit die Möglichkeit, die Straße jederzeit zu schließen und die Weltwirtschaft massiv zu treffen.
Kommentare von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth („Die Straße ist offen, solange Iran nicht schießt“) und Donald Trump („Schiffe müssen mutig sein“) bezeichnet Ritter als lächerlich. Hegseth sei ein „Verkäufer“, der Unsinn verkaufe, kein wirklicher Führer.
Der Krieg zeige laut Ritter die Misserfolge der USA: kein Regimewechsel, iranische Raketen nicht zu stoppen und Angriffe, die häufig nur leere Gebäude oder zivile Ziele treffen, etwa eine Mädchenschule.
Propaganda, Vorfälle und Führungsversagen
Ritter kritisiert auch das US-Zentralkommando CENTCOM.
Brände auf der USS Ford, iranische Schiffe nahe der USS Lincoln sowie die Kollision zweier KC-135-Tanker über dem Irak mit sechs Toten würden als „Unfälle“ oder „Fehler“ dargestellt. Ritter sieht darin ein Muster der Verleugnung.
Tanker-Kollisionen entstünden oft durch überfüllten Luftraum bei hoher Einsatzrate, Notfällen und der Integration israelischer Luftoperationen.
Die Toten seien nicht schuld – die Verantwortung liege laut Ritter bei politischen und militärischen Führern wie Trump, Hegseth, Rubio und den Generälen.
Er lobt hingegen Tulsi Gabbard, die vor dem Krieg gewarnt habe: kein Sieg, kein Regimewechsel. Diese Warnungen seien ignoriert worden.
Ritter fordert sogar eine strafrechtliche Untersuchung gegen Hegseth wegen möglicher Kriegsverbrechen nach dem War Crimes Act von 1996, etwa im Zusammenhang mit dem Bombardement einer Mädchenschule.
Fazit: Eine Propagandashow mit tödlichen Risiken
Die Verlegung der MEU sei laut Ritter in erster Linie eine „Show of Force“ und Propaganda – ohne echten militärischen Nutzen.
Gleichzeitig riskiere sie hohe Verluste ohne strategischen Gewinn.
Mit Iran in der Initiative und den USA in der Defensive sei der Krieg praktisch verloren.
Ritter mahnt, aus der Geschichte zu lernen, um Fehler zu vermeiden. Die Marine-Führung müsse Leben schützen statt politische Symbolik bedienen.
Trump suche verzweifelt nach einem „Off-Ramp“, poste aber weiterhin Parolen wie „Peace through Strength“.
Die Marines könnten am Ende zu spät kommen – oder direkt in eine Falle geraten.
