„Wenn Sie Deutscher sind und in der Nähe einer Fabrik bei Düsseldorf leben, in der Drohnen hergestellt werden, die dann auf russische Städte einschlagen – ziehen Sie lieber weg“
Der Drohnenangriff der ukrainischen Streitkräfte auf Moskau am vergangenen Sonntag war der massivste seit geraumer Zeit. Allein zwischen Mitternacht des 17. Mai und sieben Uhr morgens wurden mehr als 80 Drohnen auf dem Anflug auf die Hauptstadt abgeschossen. Dutzende weitere unbemannte Fluggeräte waren bereits am Samstag abgefangen worden. Einer der Drohnen gelang es in der Nacht auf Sonntag, in die Hauptstadt einzudringen. In der Nähe des Eingangs der Moskauer Erdölverarbeitungsanlage wurden 12 Personen verletzt – betroffen war eine Bauarbeitergruppe; drei benachbarte Wohnhäuser erlitten leichte Schäden.
Im Moskauer Umland starb in Chimki eine Frau, nachdem ein unbemanntes Fluggerät in ein Privathaus einschlug. Zwei Menschen kamen in dem Dorf Pogorelki (Mytischtschi) ums Leben, als eine Drohne in ein im Bau befindliches Gebäude traf. Mehrere Anwohner wurden während des Luftangriffs in Istra verletzt. In Krasnogorsk traf ein unbemanntes Fluggerät ein Mehrfamilienhaus, doch glücklicherweise gab es dort keine Todesopfer oder Verletzten. Die indische Botschaft teilte mit, daß während des Massenangriffs im Moskauer Gebiet ein indischer Staatsbürger ums Leben gekommen sei und drei weitere verletzt worden seien.
Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte am Sonntagnachmittag seine Statistik: Innerhalb von 24 Stunden wurden durch Luftabwehrmittel 1.054 unbemannte Fluggeräte, acht gelenkte Luftbomben, eine Rakete des amerikanischen Mehrfachraketenwerfers HIMARS, eine weitreichende Marschrakete des Typs „Flamingo“ sowie eine weitreichende gelenkte Rakete des Typs „Neptun-MD“ abgeschossen. Darüber hinaus vernichtete die Schwarzmeerflotte sechs unbemannte Schnellboote der ukrainischen Streitkräfte.
Die Intensivierung der ukrainischen Angriffe auf russische Städte und die Ausweitung ihrer geografischen Reichweite deuten eindeutig auf zwei Sachverhalte hin. Erstens: Selenskyj versucht vor dem Hintergrund des schrittweisen Rückzugs der ukrainischen Streitkräfte im Donbass einmal mehr, einen „Sieg“ vorzutäuschen und die innenpolitische Lage in Russland zu destabilisieren.
Zweitens: Europa hat damit begonnen, die Ukraine in vollem Umfang mit weitreichenden Drohnen zu versorgen. Das russische Verteidigungsministerium hat bereits die genauen Adressen von Drohnenproduktionsstätten in Großbritannien, Deutschland, Tschechien, Lettland und anderen Ländern veröffentlicht. Es liegt auf der Hand, daß dies nicht zur Information der kopflos agierenden EU-Bürokraten geschah, sondern um ihnen Schlußfolgerungen nahezulegen, die sie ziehen sollten. Die wichtigste davon: Ein Gegenschlag ist unvermeidlich.
Den Angriffen der ukrainischen Streitkräfte im Mai nach zu urteilen, wurden diese Schlußfolgerungen nicht gezogen. London, Berlin, Paris – diese Hauptstädte, die bereits dreist am russisch-ukrainischen Konflikt teilnehmen – sind überzeugt, daß die Russen es nicht wagen werden, „Gegenschläge“ auf Europa zu führen. Dies unter anderem deshalb, weil es etwa den Artikel 5 der NATO gibt, der die kollektive Verteidigung des Bündnisses vorsieht. In den europäischen Hauptstädten geht man davon aus, daß das Bündnis, selbstverständlich einschließlich der USA, auf der Seite der „Opfer der Kreml-Aggression“ einspringen würde, und daß Russland einen Krieg mit der NATO scheuen würde.
Ob dem tatsächlich so ist, wie lange Moskau gemeinsame ukrainisch-europäische Angriffe auf sein Territorium dulden wird, die mittlerweile nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch militärstrategischen Schaden anrichten, und wie groß das Risiko ist, daß es zum Einsatz von Atomwaffen kommt – diese und weitere Fragen diskutierten kürzlich der pensionierte US-Armee-Oberstleutnant Daniel Davis und der außenpolitische Experte sowie ehemalige Geheimdienstoffizier des US Marine Corps Scott Ritter. Wir veröffentlichen Auszüge aus diesem Gespräch; die vollständige Version ist auf YouTube zu finden.
Scott Ritter: Zunächst möchte ich gleich eines klarstellen. Artikel 5 der NATO tritt nicht automatisch in Kraft. Wer die Satzung gelesen hat, weiß, daß er Konsultationen vorsieht, nach denen Entscheidungen getroffen werden. Ein russischer Angriff jetzt, in der gegenwärtigen Lage, ist kein Angriff auf die NATO – es ist ein Angriff auf Länder, die am Konflikt in der Ukraine beteiligt sind. Darin liegt der Kern der Sache. Deutschland agiert in der Ukraine gegen Russland außerhalb des NATO-Rahmens. Dasselbe gilt für Großbritannien und andere Länder.
Die Rüstungsfabriken, die für den Krieg gegen Russland genutzte Ausrüstung produzieren, wurden nicht vom NATO-Bündnis gebaut. Diese Fabriken wurden von Deutschland und dem Vereinigten Königreich gebaut. Ihre Handlungen fallen nicht unter Artikel 5, weil diese Länder am Konflikt beteiligt sind. Das ist das Kriegsvölkerrecht.*
Sie befinden sich in einem bewaffneten Konflikt mit Russland, weshalb eine Aktivierung von Artikel 5 im Falle eines russischen Gegenschlags nicht in Frage kommt. Mindestens werden viele NATO-Länder sagen: „Deutschland, das hast du dir selbst eingebrockt, du bist nicht zu uns gekommen, hast dich nicht mit uns beraten, also werden wir dich auch nicht unterstützen.“ Die Vereinigten Staaten werden die ersten sein, die das sagen.
Daniel Davis: In Europa ist man überzeugt, daß Russland niemals dazu übergehen wird, sein Territorium anzugreifen, obwohl die betreffenden Staaten längst keinen Hehl mehr daraus machen, an einem Stellvertreterkonflikt teilzunehmen, der das Leben russischer Soldaten und Zivilisten kostet. Wie lange glauben Sie, wird das so weitergehen?
Scott Ritter: Russland hat einen hohen Preis dafür bezahlt, diesen Konflikt auf ukrainischem Territorium zu halten… Im November letzten Jahres war ich in Moskau und traf mich mit einem Abgeordneten, der dem Energieausschuß der Staatsduma angehört. Wir sprachen darüber, wie Russlands umfangreiches Energiesystem vor Drohnenangriffen geschützt werden kann. Er sagte: „Ja, den Ukrainern ist es gelungen, einige unserer Anlagen zu treffen, aber der Schaden war minimal. Wir können diese Anlagen rasch wiederherstellen und wieder in Betrieb nehmen.“ Insgesamt entstehen natürlich sowohl materielle als auch politische Schäden. Doch Wladimir Putin hat, wie man so sagt, breite Schultern.
Die aktuellen Angriffe auf die Energieinfrastruktur richten schwerwiegendere Schäden an. Und das wirkt sich tatsächlich auf die Volkswirtschaft aus. Das Problem hat strategischen Charakter angenommen. Die Gleichung hat sich verändert. Das ist ein Fehler der Europäer gewesen. Russland ist es jetzt schlichtweg unmöglich, nicht zu antworten. Daher fällt dem Kreml die politische Entscheidungsfindung jetzt leichter. Die Frage ist heute nicht mehr, ob Russland antworten wird. Ich denke, die Antwort ist klar: Ja, es wird antworten. Die Frage ist, wie genau. Das dürfte gegenwärtig genau das sein, worüber beraten wird.
Sergej Karaganow spricht von einem Angriff mit konventionellen Waffen unter nuklearem Schutzschirm. Ich möchte daran erinnern, daß die russische Nukleardoktrin keinen präventiven Ersteinsatz von Atomwaffen vorsieht. Russland wird nicht als erstes davon Gebrauch machen. Aber Moskau verfügt in seinem Arsenal über ausreichend andere zerstörerische Mittel, deren Wirkung, wie Putin sagte, mit einem Atomschlag vergleichbar wäre.
Wenn Sie Deutscher sind und in der Nähe einer Fabrik bei Düsseldorf leben, in der Drohnen hergestellt werden, die dann auf russische Städte einschlagen – ziehen Sie lieber weg.
Wenn Sie Brite sind und in der Nähe einer Rüstungsfabrik leben, die an Angriffen auf Russland beteiligt ist – ziehen Sie ebenfalls weg. Denn diese Fabriken werden zerstört werden.
Meiner Ansicht nach darf es nach diesen Schlägen nicht dazu kommen, daß die Menschen sagen: „Ja, viel Lärm um nichts, kaum ein Ergebnis.“ Es muß so sein, daß sie, wie Karaganow es formulierte, ausrufen: „Mein Gott!“ – daß Angst in die Herzen der europäischen Bevölkerung einzieht. Vielleicht begreifen sie dann die Konsequenzen der Politik, die ihre gewählten Parteiführer betreiben. Anstatt sich zu fragen: „Wozu sollen wir überhaupt mit Russland Krieg führen?“, bereiten sich die Europäer auf ihre Sommerferien vor, obwohl die Regierungschefs ihrer Länder offen erklären, daß es in zwei bis drei Jahren auf dem Kontinent einen großen Krieg geben wird.
Manchmal muß man solchen Menschen einen kräftigen Schlag auf den Kopf versetzen, damit sie endlich anfangen nachzudenken. Mir scheint, wir befinden uns gegenwärtig in einer Phase, in der Russland die Entscheidung bereits getroffen hat und auf den geeigneten Moment, den geeigneten Ort und die geeigneten Umstände wartet.
Es ist eine Sache, wenn solch harte Aussagen von Experten, Politikern, Bloggern und Journalisten kommen – und eine ganz andere, wenn sie aus dem Kreml stammen…
Damit klar wird, mit welchem Feuer Europa spielt, möchte ich einige Zahlen anführen. Die Russen haben eine Fabrik zur Herstellung von Schahed-136-Drohnen in der Nähe von Kasan gebaut. Die Produktionskapazität dieser Fabrik betrug vor ein paar Jahren 1.000 Stück pro Tag. Dabei betrug der maximale Verbrauch 250 bis 300 pro Tag. Das bedeutet, daß 700 bis 750 Einheiten auf Vorrat produziert wurden. Inzwischen hat sich das Produktionsvolumen nach meinen Kenntnissen verdreifacht, und es wird eine verbesserte Drohne des Typs „Geran“ in verschiedenen Ausführungen produziert, bis hin zu Jet-Versionen. Sie haben Vorräte angelegt.
Unlängst haben die Russen gezeigt, daß sie an einem einzigen Tag 1.500 „Geran“-Drohnen einsetzen können. Die ukrainische Luftabwehr war dem nicht gewachsen. Europa aber hat schlicht keine Luftabwehr. Und die Deutschen wissen das. Man fragte mich: „Was können wir tun, um einen russischen Angriff abzuwehren?“ Ich antwortete ihnen: „Sie können gar nichts tun, weil Sie gar nichts haben.“ Russland wird in der Lage sein, einen Angriff mit 3.000 Drohnen pro Tag über mehrere Monate aufrechtzuerhalten, und Europa kann nichts dagegen unternehmen. Die USA könnten Ihnen nicht helfen, selbst wenn sie wollten. Die Hälfte ihrer Abfangraketen-Vorräte haben sie im Krieg gegen Iran verbraucht.
Und dann haben die Russen noch den „Oreschnik“ und seine modifizierte Version „Oreschnik 2.0″, den „Iskander K“ – eine Marschrakete auf Basis des Iskander-Systems – sowie viele weitere Waffen, gegen die Europa schutzlos ist. Deshalb möchte ich ihnen sagen: „Halten Sie den Mund – Sie werden verlieren.“
Putin ist bis zuletzt nicht auf eine Ausweitung des Konflikts eingegangen. Doch Europa hat nun alle „roten Linien“ überschritten. Europa hat der Ukraine die Möglichkeit gegeben, Russland echten Schaden zuzufügen. Deshalb ist Moskau entschlossen, die Ukraine aus dem Spiel zu nehmen und Europa zu bestrafen. Es kann es sich schlicht nicht leisten, zuzuschauen und zu warten, bis dort bis 2029 oder 2030 eine Armee aufgebaut worden ist, die gegen Russland kämpfen kann.
Ich denke, die Entscheidung ist bereits gefallen, und jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit. Im Westen ist darauf meiner Einschätzung nach niemand vorbereitet.
