Larry C. Johnson
Merken Sie sich das Wort: „Sicherheitsarchitektur.“ Der Begriff „Sicherheitsarchitektur am Persischen Golf“ wurde von Präsident Putin und dem chinesischen Außenminister Wang Yi verwendet, als sie während des Besuchs des iranischen Außenministers in Rußland am 27. April und in Peking am 5.–6. Mai 2026 mit diesem sprachen. Der Begriff bezieht sich auf einen multilateralen, regional geführten Rahmen für langfristige Stabilität im Golf und im weiteren Nahen Osten.
Der Begriff „Sicherheitsarchitektur“ am Persischen Golf ist keine neue diplomatische Sprache, die für diese Besuche erfunden wurde. Rußland schlägt eine „kollektive Sicherheitsarchitektur am Golf“ mindestens seit 2019 vor, wobei Außenminister Lawrow diesen Vorschlag zuletzt am 28. Februar 2026, dem Tag des Kriegsbeginns, bekräftigt hat. China hat Rußlands vorgeschlagenes kollektives Sicherheitskonzept unterstützt, das den US-amerikanischen Verteidigungsschirm am Golf ersetzen und Rußland als Machtbroker neben – oder anstelle von – den USA positionieren würde.
Im Gespräch mit Präsident Putin erklärte Außenminister Araghchi, daß der Iran „die Schaffung einer neuen Nachkriegsregionalarchitektur unterstützt, die Entwicklung und Sicherheit koordinieren kann.“ In einem anschließenden Treffen erklärte Chinas Außenminister Wang Yi, Peking „unterstützt die Schaffung einer regionalen Friedens- und Sicherheitsarchitektur, an der die Länder der Region gemeinsam teilhaben, gemeinsame Interessen wahren und gemeinsame Entwicklung erreichen.“ (S&P Global)
Wang Yi bezeichnete den US-israelischen Krieg gegen den Iran auch als „illegitim“ und formulierte drei wesentliche chinesische Positionen: die Unterstützung aller berechtigten iranischen Forderungen, die Unterstützung des Abzugs der US-Militärstützpunkte aus dem gesamten Persischen Golf sowie die aktive Beteiligung an der Nachkriegsordnung.
Der Begriff „Sicherheitsarchitektur“ ist diplomatischer Code für eine grundlegende Umstrukturierung der Frage, wer im Golf unter welchen Bedingungen Sicherheit gewährleistet – und wer ausgeschlossen wird. Das Konzept umfaßt mehrere konkrete Komponenten:
Erstens, der Abzug der US-Streitkräfte. Die Kernforderung – von Iran, Rußland und China gleichermaßen geteilt – lautet, daß die Vereinigten Staaten ihre Militärstützpunkte, Trägerkampfgruppen und Sicherheitsgarantien aus der Golfregion abziehen. Dies würde Stützpunkte in Bahrain (Heimat der US-amerikanischen Fünften Flotte), Katar, Kuwait, den VAE und Saudi-Arabien einschließen.
Zweitens, die Ersetzung durch einen regionalen Rahmen. Die vorgeschlagene Koalition würde die Golfstaaten, Rußland, China und andere Interessenträger in einem multilateralen Rahmen zusammenfassen, wobei Rußland sein Vorteil darin sieht, daß es im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten gute Beziehungen zu allen Parteien – einschließlich des Iran – unterhält.
Drittens, der Iran als legitime Regionalmacht. Araghchi erklärte gegenüber iranischen Medien, daß „unsere chinesischen Freunde der Ansicht sind, daß der Iran nach dem Krieg ein anderer ist als der Iran vor dem Krieg. Sein internationales Ansehen hat sich verbessert, und er hat seine Fähigkeiten und seine Macht unter Beweis gestellt. Daher steht eine neue Ära der Zusammenarbeit zwischen dem Iran und anderen Ländern bevor.“ Die Architektur legitimiert daher formal die dominierende Rolle des Iran bei der Golfsicherheit, anstatt ihn als einzudämmende Bedrohung zu behandeln. (ING THINK)
Viertens, die Verwaltung der Straße von Hormuz. Das PGSA und das von Iran beschriebene Transitgenehmigungssystem stellen de facto die erste konkrete institutionelle Manifestation dieser Architektur dar – der Iran behauptet dabei eine souveräne Verwaltungsautorität über den weltweit kritischsten Engpaß.
Fünftens, die Verknüpfung mit der breiteren multipolaren Ordnung. Das Dreieck Rußland–Iran–China hat sich als treibende Kraft hinter dem herausgestellt, was seine Befürworter „eurasische Integration und Multipolarität“ nennen, wobei die Golfsicherheitsarchitektur ein Mikrokosmos der neuen globalen Ordnung ist, die China auf Makroebene vorantreibt.
Die von den USA geführte Sicherheitsarchitektur am Golf, die über Jahrzehnte durch bilaterale Verteidigungsabkommen, Militärstützpunkte und Trägerpräsenz aufgebaut wurde, würde im Rahmen dieses Konzepts faktisch demontiert. Die Golfstaaten stehen vor einem schwierigen strategischen Dilemma: Sie können es sich nicht leisten, die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu kappen, können aber auch keine Allianzstruktur aufrechterhalten, die ihre Sicherheit Entscheidungen aussetzt, die jenseits ihrer Grenzen getroffen werden. (IFPRI)
Viele arabische Golfstaaten sind besorgt über den Konflikt und hegen Zweifel an der Zuverlässigkeit der USA als Garant, auch wenn sie ebenso besorgt über den zunehmenden regionalen Einfluß Israels infolge seiner Angriffe auf Katar im September 2025 sind. (Wisfarmer)
Kurz gesagt: „Sicherheitsarchitektur“ ist eine höfliche Umschreibung für die Vertreibung amerikanischer Macht aus dem Persischen Golf und deren Ersetzung durch einen multilateralen Rahmen, in dem Iran, Rußland und China gleichberechtigte – oder dominante – Akteure sind. Es ist wohl die folgenreichste geopolitische Ambition, die aus diesem Konflikt hervorgegangen ist.
Heute erhielt ich einen weiteren Beleg dafür, daß die russisch-chinesische Vision einer neuen Sicherheitsarchitektur real ist und möglicherweise Fortschritte macht. Im Gespräch mit einem neuen Bekannten, der gut mit Pakistans Geheimdienst (ISI) vernetzt ist, teilte er mir mit, daß ein sehr hochrangiger ISI-Beamter – sein persönlicher Freund – ihm Anfang dieser Woche berichtete, daß Saudi-Arabien und Katar die Sicherheitsbindungen an die USA kappen wollen. Berichten zufolge möchten sie sich unter einen Sicherheitsschirm begeben, den Rußland und China anbieten. Sollte dies zutreffen, würde dies eine weitere Erosion des US-amerikanischen Hegemonialanspruchs markieren.
Russland und China sind entschlossen, die USA als Machtbroker am Persischen Golf abzulösen
