Mit ihrer gemeinsamen Erklärung vom 20. Mai 2026 haben Russland und China weit mehr veröffentlicht als nur ein gewöhnliches diplomatisches Kommuniqué. Das Dokument liest sich wie ein geopolitisches Manifest für die Welt nach der westlichen Vorherrschaft – und markiert einen weiteren Schritt hin zu einer offenen globalen Machtverschiebung.
Unter dem Schlagwort einer „multipolaren Weltordnung“ präsentieren sich Moskau und Peking zunehmend als koordinierte Gegenachse zur US-geführten Ordnung. Während westliche Politiker seit Jahren vor einer engeren Allianz beider Staaten warnen, bestätigen die aktuellen Formulierungen nun erstmals in ungewöhnlicher Deutlichkeit: Russland und China sehen sich selbst als gemeinsames strategisches Zentrum einer neuen internationalen Ordnung.
Besonders auffällig ist die Wortwahl. Die Erklärung spricht von einer „Demokratisierung internationaler Beziehungen“, vom „souveränen Recht“, eigene Gesellschaftssysteme zu wählen, und von der Ablehnung „blockgebundener Konfrontationen“. Hinter dieser diplomatischen Sprache verbirgt sich eine direkte Kritik an der geopolitischen Dominanz der USA und ihrer Verbündeten.
Gleichzeitig betonen beide Staaten demonstrativ, ihre Partnerschaft richte sich „nicht gegen Drittländer“. Doch genau dieser Satz zeigt, wie sensibel Moskau und Peking inzwischen auf die Wahrnehmung reagieren, bereits einen alternativen Machtblock zu bilden.
Tatsächlich entwickelt sich die Zusammenarbeit längst weit über symbolische Freundschaft hinaus. Die Erklärung kündigt eine weitere Vertiefung militärischer Kooperation an – inklusive gemeinsamer Übungen, Luft- und Seepatrouillen sowie koordinierter Sicherheitsmechanismen. Russland und China bauen damit Schritt für Schritt ein informelles Sicherheitsbündnis auf, ohne den Begriff offiziell zu verwenden.
Besonders brisant ist die gemeinsame Positionierung zu den aktuellen globalen Konflikten.
Im Ukraine-Konflikt fordern beide Staaten die „Beseitigung der Grundursachen der Krise“ – eine Formulierung, die direkt Russlands Narrativ über NATO-Erweiterung und westliche Sicherheitsstrukturen aufgreift. Gleichzeitig stellen sich beide Seiten gegen weitere Eskalationen und fordern Verhandlungen.
Noch schärfer fällt der Ton gegenüber den USA und Israel aus. Russland und China erklären gemeinsam, die Militärschläge gegen Iran verletzten das Völkerrecht und gefährdeten die Stabilität des Nahen Ostens massiv. Eine derart offene gemeinsame Verurteilung Washingtons wäre vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen.
Auch in der Palästinafrage positionieren sich beide Mächte demonstrativ gegen die westliche Linie und betonen ihre Unterstützung für eine „gerechte und nachhaltige“ Lösung auf Basis der Zwei-Staaten-Formel.
Die eigentliche Botschaft dieser Erklärung liegt jedoch tiefer:
Russland und China versuchen zunehmend, sich als politische Schutzmacht des sogenannten Globalen Südens zu inszenieren – als Alternative zu westlicher Dominanz, Sanktionen, Interventionen und wirtschaftlicher Kontrolle.
Für viele Staaten in Asien, Afrika, Lateinamerika und dem Nahen Osten wird diese Achse immer attraktiver. Nicht unbedingt aus ideologischer Nähe zu Moskau oder Peking, sondern weil zahlreiche Länder genug von westlichem Druck, Dollar-Abhängigkeit und geopolitischer Einmischung haben.
Die Erklärung aus Peking zeigt deshalb vor allem eines:
Die globale Machtverschiebung ist keine theoretische Debatte mehr. Sie findet bereits statt – sichtbar, organisiert und zunehmend offen ausgesprochen.
Während Washington und Brüssel weiterhin versuchen, ihre internationale Führungsrolle zu verteidigen, arbeiten Russland und China längst an der Architektur einer neuen geopolitischen Realität.
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Gemeinsame Erklärung der Russischen Föderation und der Volksrepublik China in Deutsch:
Gemeinsame Erklärung der Russischen Föderation und der Volksrepublik China
20. Mai 2026 – Von amarynth in World Shifts
Gemeinsame Erklärung (http://kremlin.ru/supplement/6487) der Russischen Föderation und der Volksrepublik China zur weiteren Stärkung der umfassenden Partnerschaft und strategischen Zusammenarbeit sowie zur Vertiefung der Beziehungen guter Nachbarschaft, Freundschaft und Kooperation (Peking, 20. Mai 2026)
VOLLSTÄNDIGE ERKLÄRUNG (http://kremlin.ru/supplement/6487)
Wichtige Punkte:
• Der Vertrag über gute Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Russland und China (https://www.mfa.gov.cn/eng/zy/gb/202405/t20240531_11367098.html) spiegelt nicht nur vollständig die tiefen historischen Traditionen guter Nachbarschaft und Freundschaft zwischen den russischen und chinesischen Völkern sowie ihre Bereitschaft wider, diese von Generation zu Generation weiterzugeben, sondern verkörpert auch die universellen menschlichen Werte von Frieden, Entwicklung, Gleichheit, Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit.
• Die Seiten entwickeln ihre Beziehungen in Übereinstimmung mit den Prinzipien des gegenseitigen Respekts für Souveränität und territoriale Integrität, der gegenseitigen Nichtaggression, der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des jeweils anderen, der Gleichheit und des gegenseitigen Nutzens, der friedlichen Koexistenz, des souveränen Rechts zur Wahl des eigenen Gesellschaftssystems und Entwicklungswegs sowie der Bewahrung kultureller und historischer Identität und traditioneller moralischer Werte.
• Die Beziehungen zwischen Russland und China sind nicht blockgebunden oder konfrontativ ausgerichtet und richten sich nicht gegen Drittländer.
• Der stabile und umfassende Charakter der Beziehungen zwischen Russland und China entspricht vollständig den grundlegenden Interessen der beiden Länder und ihrer Völker, steht im Einklang mit den Zielen der umfassenden nationalen Entwicklung beider Staaten und leistet einen wichtigen Beitrag zur Förderung einer gerechten multipolaren Welt und zur Demokratisierung der internationalen Beziehungen.
• Die Seiten werden sich unter der Leitung der Diplomatie ihrer Staatsführer konsequent und vollständig für die Umsetzung der von den Staatsoberhäuptern erzielten Vereinbarungen einsetzen, enge Kontakte auf höchster und hoher Ebene aufrechterhalten und das effektive und ununterbrochene Funktionieren der Mechanismen zur Zusammenarbeit zwischen Regierungen, gesetzgebenden Organen und politischen Parteien gewährleisten.
• Die Seiten werden weiterhin die traditionelle Freundschaft zwischen den Streitkräften beider Länder stärken, das gegenseitige Vertrauen im militärischen Bereich vertiefen, die Mechanismen der Zusammenarbeit verbessern, die Praxis gemeinsamer Übungen sowie Luft- und Seepatrouillen ausweiten, die Koordination und Zusammenarbeit in bilateralen und multilateralen Formaten stärken, gemeinsam auf verschiedene Herausforderungen und Bedrohungen reagieren und die globale sowie regionale Sicherheit und Stabilität unterstützen.
• Die Seiten werden weiterhin Kontakte und Austausch im Bereich der Handelspolitik ausbauen, die Zusammenarbeit in ihren Schlüsselbereichen stärken, neue Wachstumspunkte identifizieren, zur Erhöhung des Handels mit Waren und Dienstleistungen beitragen und entschlossen das Recht verteidigen, die bilaterale Handels- und Wirtschaftspartnerschaft unabhängig zu entwickeln.
• Die Seiten sind überzeugt von der Notwendigkeit, die grundlegenden Ursachen der Ukraine-Krise vollständig zu beseitigen – auf der Grundlage der vollständigen, gesamtheitlichen und miteinander verbundenen Einhaltung der Prinzipien der UN-Charta (https://www.un.org/en/about-us/un-charter/full-text) –, um gegenseitige Sicherheit zu gewährleisten und die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden zu schaffen. Die Seiten unterstützen alle Bemühungen, die zur Schaffung eines langfristigen und nachhaltigen Friedens beitragen, und befürworten die Fortsetzung der Suche nach einer Lösung durch Dialog und Verhandlungen.
• Die Seiten teilen die Auffassung, dass die militärischen Angriffe der USA und Israels gegen Iran (https://t.me/MFARussia/28511) gegen das Völkerrecht und die grundlegenden Normen der internationalen Beziehungen verstoßen und die Stabilität im Nahen Osten ernsthaft untergraben. Russland und China betonen die Notwendigkeit, dass die am Konflikt beteiligten Parteien so schnell wie möglich zu Dialog und Verhandlungen zurückkehren, um eine Ausweitung der Konfliktzone zu verhindern.
• Russland und China bekräftigen ihr Engagement für eine umfassende, gerechte und nachhaltige Lösung der Palästinafrage auf einer allgemein anerkannten völkerrechtlichen Grundlage (https://www.un.org/unispal/), wobei die Zwei-Staaten-Formel im Mittelpunkt steht.
Quelle: https://sovereignista.com/2026/05/20/joint-statement-of-the-russian-federation-and-the-peoples-republic-of-china/
