Das neue Jahr hat mit elnem geopolitischen Erdbeben begonnen, das sich allerdings seit mindestens einem Jahr deutlich angekündigt hat. Was J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 schon hat durchblicken lassen, und was vielleicht als der letzte Aufruf zur Vernunft hätte interpretiert werden müssen, ist jetzt eingetreten.
Die USA haben neue Prioritäten gesetzt.
Es ist nicht nur wegen der für US-Amerikaner nicht nachvollziehbaren Art des Umgangs mit der Meinungsfreiheit in der EU: Die USA hatten noch nie ein Problem damit, sich mit Diktatoren zu verbünden. Franklin D. Roosevelt hat es in Bezug auf Nicaraguas Diktator Somoza auf den Punkt gebracht:
„Er mag ja ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn.“
Ich wage diesen Satz so auszudeuten, dass Somoza eine „Macht“ darstellte, die von den USA – ohne nennenswerte Kosten zu verursachen – genutzt und gelenkt werden konnte. So, wie viele weitere „Hurensöhne“ auch, die stets für eine gewisse Zeit unterstützt und geschützt wurden, bis dies im amerikanischen Interesse nicht mehr opportun erschien. Dann hat man sie fallen lassen.
Der Unterschied ist, dass die Europäer den Platz unter dem Schirm der USA verlieren, ohne dass sie sich wie klassische Diktatoren verhalten hätten. Das waren allesamt keine Hurensöhne, auch keine Hurentöchter, das waren Mitglieder einer ehrenwerten Elite. Woran lag es dann?
Diese Frage lenkt den Fokus wieder auf den Begriff „Macht“. Solange die USA in Europa noch so etwas wie eine Macht gesehen haben, die – ohne nennenswerte Kosten zu verursachen – genutzt und gelenkt werden konnte, war man entschlossen, diesen Zustand aufrecht zu erhalten. Der Kalte Krieg hat dieses Verhalten geradezu erzwungen. Danach sah man keinen Anlass, das Verhältnis zu den Europäern zu verändern. Es war gut, sie zu haben, auch wenn man sie nicht mehr wirklich brauchte, und es war gut, sie zu kontrollieren, weil sie noch immer eine Macht darstellten. Eine Macht, mit immerhin zwei Staaten mit eigenen Atomwaffen. Da erschien es richtig, diese freundlich zu behandeln. Sie sollten bloß nicht auf die Idee kommen, sich im Zweifelsfall gegen die USA behaupten zu können. Sie sollten sich eher in Sicherheit wähnen und sich auf den Schutz des großen Bruders verlassen. Das hat, folgt man dieser Theorie, gut funktioniert. Die Europäer haben den Begriff „Friedensdividende“ erfunden und sich Stück für Stück entwaffnet. Das hörte auch nicht auf, als sich die Briten aus der EU verabschiedeten.
Eine alter Lehrsatz der Soziologie besagt:
Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis.
Wenn es einen Plural von Eis gäbe, könnte man sagen, die Europäer sind gleich auf mehrere Eise gegangen. Lange haben sie gehalten, die Eise. Inzwischen befinden wir uns auf einer schmelzenden Scholle in einem weitgehend eisfreien Gewässer. Die Massenmigration hat die Sozialsysteme weggeschmolzen, die Inflation angetrieben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt geschwächt. Die Klimahysterie hat die sichere Energieversorgung zerstört, die Inflation angetrieben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt geschwächt. Der Versuch, die Ukraine zu integrieren, und das Scheitern dieses Versuches mit einem sinnlos in die Länge gezogenen Stellvertreterkrieg gegen Russland irgendwie noch zu verhindern, hat die letzten Reserven weggeschmolzen, die Verschuldung in die Höhe getrieben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt geschwächt.
Als zu erkennen war, dass der alte gesellschaftliche Zusammenhalt sich in Luft auflöste, aber ein neuer gesellschaftlicher Zusammenhalt im Entstehen war, der sich gegen die Fortsetzung des Tanzes auf dem Eis richtete, wurde, wie einst die „Friedensdividende“ nun die „Unseredemokratie“ ins Feld geführt. Wenn schon der alte Zusammenhalt nicht mehr zu retten war, sollte zumindest das Entstehen eines neuen Zusammenhalts verhindert werden.
Es handelt sich um die Erscheinungsform eines weitgehend unblutigen Bürgerkriegs der Haltungen und Meinungen. Wie beim Völkerball gibt es eine Trennungslinie zwischen den Mannschaften mit dem martialischen Namen Brandmauer, und die Regeln sehen vor, dass die vor der Brandmauer alles dürfen und auch das gröbste Foul nicht geahndet wird, während die hinter der Brandmauer, nur weil sie zur gegnerischen Mannschaft gehören, schon mit einem Platzverweis rechnen müssen, sobald sie nach dem Ball greifen oder auch nur versuchen, ihm auszuweichen, um nicht abgeschossen zu werden.
Trotz dieser eigenwilligen Spielregeln, unter denen man in Rom keinen Gladiator in die Arena hätte bewegen können, schrumpft die Mannschaft vor der Brandmauer, weil sich immer mehr freiwillig auf die andere Seite begeben.
Es übrigens kein Spiel, das nur in Deutschland gespielt wird. Es findet mit geringfügigen Abweichungen in den Regeln in allen Staaten der EU statt und nicht minder auch bei den Briten. Wo sich noch ein Staat seinen Zusammenhalt bewahren will, wird innerhalb der Staaatengemeinschaft eine weitere Mauer errichtet, um den Ungeist nationaler Geschlossenheit vom Rest der EU zu isolieren.
Von außen betrachtet sieht das allerdings vollkommen verrückt aus. Mediziner würden eine Autoimmunerkrankung als Analogie heranziehen. Kriegsberichtserstatter hätten das Bild eines Verwundeten vor Augen, der im Zustand fortgeschrittener Verirrung auf die Sanitäter schießt, die ihm zur Hilfe eilen wollen. Feuerwehrleute würden sich wahrscheinlich nur noch auf das kontrollierte Abbrennen konzentrieren, um am Ende alle Glutnester aufzuspüren und abzulöschen.
Die USA haben genug gesehen.
Sie haben Europa nicht aufgegeben. Das wäre eine Fehlinterpretation ihres Handelns.
Sie haben sich an einen weiteren alten Lehrsatz der Soziologie erinnert, der da lautet:
Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag.
Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.
Sie haben über Jahrzehnte Fische verkauft, um Europa am Leben und in Abhängigkeit zu halten. Doch die Europäer haben darüber verlernt, sich selbst zu erhalten, haben sich bewusst geschwächt und zuletzt auch noch selbst Schaden zugefügt.
Dem Esel ist es zu lange zu gut gegangen. Er muss wieder runter vom Eis. Die Hoffnung ist, dass der Selbserthaltungstrieb ausreicht, um den Sprung von der schmelzenden Scholle ans sichere Ufer noch zu wagen, weil andernfalls der vollständige Untergang droht.
Auf diese brutale Weise sollen die Europäer – nachdem alle anderen Mittel versagt haben – wieder lernen, selbst zu fischen und sich selbst zu erhalten.
MAGA ist übrigens das Kennzeichen des gleichen Prozesses.
