Für US-Präsident Donald Trump ist Grönland in Sachen nationaler Sicherheit von entscheidender Bedeutung. Dabei geht es nicht unbedingt um die Ressourcen, sondern vielmehr um Militärstrategie. Mehr noch: Es war die europäische Kriegsrhetorik, die überhaupt erst zu dieser Situation führte.
Das enorme Interesse Donald Trumps an Grönland hat durchaus gewichtige Gründe. Während seine Kritiker, Gegner und Feinde gerne die gewaltigen natürlichen Ressourcen der größten nichtkontinentalen Insel der Welt ins Feld führen, ist die Wahrheit wahrscheinlich viel banaler. Es geht vor allem um die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten.
Ein Blick auf eine Arktis-zentrierte Karte (siehe Tweet oben) verdeutlicht, was aus militärstrategischer Sicht zählt. Von der Kola-Halbinsel aus – wo sich Raketensilos, U-Boot-Basen und strategische Bomber befinden – müssten beispielsweise die Interkontinentalraketen über Grönland (bzw. nördlich daran vorbei) fliegen, um Ziele in Neuengland bzw. in Kalifornien zu treffen.
Wie US-Präsident Trump schon zuvor erklärte, ist die Insel auch für den sogenannten “Golden Dome” der Vereinigten Staaten von essenzieller Bedeutung. Das ist der geplante Raketenabwehrschild für Nordamerika, welcher – ähnlich dem israelischen “Iron Dome” – den nördlichen Teil des amerikanischen Doppelkontinents vor feindlichen Luft- und Raketenangriffen schützen soll.
Klar, die riesigen Vorkommen an natürlichen Rohstoffen auf Grönland spielen ebenfalls eine Rolle – doch offensichtlich hat Trump auch ein offenes Ohr für die Militärstrategen des Pentagons. Betrachtet man nämlich die ballistischen Flugbahnen von Kola in Richtung Nordamerika, führt der Weg nicht über den Atlantik, nicht über Mitteleuropa und auch nicht über irgendeine NATO-Grenze. Er führt über die Arktis. Über Grönland.
Genau hier liegt der Punkt, den die Couchgeneräle in Talkshows konsequent übersehen. Will man eine ballistische Rakete abfangen, dann nicht kurz vor dem Einschlag, sondern am höchsten Punkt ihrer Flugbahn, dem sogenannten Apogäum. Dort ist sie am langsamsten, dort ist sie am berechenbarsten, dort bestehen überhaupt erst realistische Abfangchancen. Der kürzeste Weg zu diesem Apogäum verläuft direkt unterhalb davon. Und genau dort liegt Grönland. Die First Line of Interception muss auf der nordöstlichen Seite Grönlands stehen, alles weiter westlich wäre bei den modernen Hyperschallwaffen – wie beispielsweise der russischen Oreschnik – schlicht zu spät.
An dieser Stelle wird es für Europa unangenehm. Denn all das wäre möglicherweise nie passiert, hätten sich die europäischen Eliten nicht in den letzten vier Jahren kollektiv in einen sicherheitspolitischen Ausnahmezustand hineingesteigert. Hätte man nicht einen neuen Kalten Krieg ausgerufen, ohne dazu gezwungen zu sein. Hätte man nicht unablässig davon gefaselt, Europa müsse “kriegstüchtig” werden, als stünde die Rote Armee bereits in Warschau. Hätte man nicht die absurde Erzählung vom unausweichlichen Großkrieg 2029 verbreitet, als wäre Geschichte ein Fahrplan und keine Abfolge politischer Entscheidungen.
Mit einem Satz: Wäre Europa nicht in seiner Russophobie-Psychose derart durchgeknallt, hätten die USA keinerlei Anlass gehabt, jetzt – ausgerechnet jetzt, wo die eigene Wirtschaftskrise nur mühsam überwunden ist und die Haushaltsdefizite jenseits jeder Vernunftgrenze liegen – ein neues Wettrüsten zu beginnen. Doch die europäischen Kriegstreiber haben Washington signalisiert, dass Abschreckung wieder oberstes Gebot ist. Und wenn Abschreckung ernst gemeint ist, dann führt der Weg zwangsläufig über Grönland.
Deshalb ist Grönland nicht Opfer der amerikanischen Gier, sondern der europäischen Verantwortungslosigkeit. Unsere kriegslüsternen Politiker haben den sicherheitspolitischen Alarm erst ausgelöst, diese haben die Eskalationsrhetorik geliefert und diese haben jeden Rest an Diplomatie mutwillig verbrannt. Nun reagieren die Amerikaner so, wie Großmächte meistens reagieren: rational, kühl und ohne Rücksicht auf irgendwelche Befindlichkeiten von Vasallenstaaten.
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