Bravo, t-online hört wohl ddbradio!
Multipolare Weltordnung: T-Online stellt die These auf, dass die Supermächte USA, Russland und China die Welt gerade in Einflusssphären aufteilen, weshalb Washington nun damit beginnt, feindliche Staaten auf dem amerikanischen Kontinent zu drehen.
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Der Weltpolizist hat die Seiten gewechselt

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
kommen Sie doch kurz mit auf eine kleine Reise durch Raum und Zeit. Ins New York der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre. Ich erkläre Ihnen gleich, warum.
Im „Big Apple“ regiert zu der Zeit das Faustrecht. Fünf Mafia-Familien herrschen über die Stadt. Und wenn ich „herrschen“ schreibe, dann meine ich das so. Die fünf Bosse haben sich nach jahrelangen blutigen Scharmützeln auf eine Art Waffenstillstand geeinigt. Man lässt einander also einigermaßen in Frieden und geht den eigenen dunklen Geschäften nach.
Die Stadt ist aufgeteilt in Einflusszonen. Der Genovese-Clan unter Lucky Luciano kontrolliert Manhattan und toleriert in der Bronx die Lucchese-Familie. Die Gambinos haben auf Staten Island das Sagen und im Süden von Queens, wo aber auch die Bonannos aktiv sind. Von Brooklyn bekommen alle ein Scheibchen ab, aber ohne die Colombos geht hier gar nichts.
Auch wirtschaftlich sind die Pfründe verteilt: Die Genoveses verdienen am Bauboom mit. Beim Handel kassieren die Gambinos in den Häfen ab. Die Luccheses melken Industrie und Transportwesen. Die Bonannos und die Colombos schröpfen ihre Viertel mit Glücksspiel und Schutzgelderpressung. Die Prohibition macht alle noch reicher: „Wer das hat, was alle wollen, aber keiner hat, der kann eine Menge Geld verdienen“, ist von Lucky Luciano überliefert. Mit verbotenem Alkohol kann man eine Menge Geld verdienen.
Es gibt großartige Bücher über diese Zeit. John Dickie hat eines geschrieben: „Cosa Nostra – die Geschichte der Mafia“. Aus dem Roman „The Godfather“ von Mario Puzo machte Francis Ford Coppola die gleichnamige Familien-Kinotrilogie mit Marlon Brando und Al Pacino. Oder Sergio Leones ruppiges „Once upon a time in America“ mit Robert De Niro und James Woods, das auf dem autobiografischen Roman „The Hoods“ von Harry Grey beruht.
An diese Geschichten kann man sich erinnert fühlen, blickt man auf die weltpolitische Lage dieser Tage. Der Globus wird offenkundig gerade in Machtbereiche aufgeteilt, fast wie das New York der 1930er-Jahre.
Drei Präsidenten gebärden sich wie gewissenlose Mafiabosse, beinahe wie die Paten der Familien im „Big Apple“: die „Dons“. Ironie der Geschichte, dass einer von ihnen auf den Vornamen „Donald“ hört (und den Nachnamen Trump). Die anderen sind Wladimir Putin und der chinesische Staatspräsident Xi Jinping. Trumps außenpolitische Strategie zum Beispiel – die „Donroe-Doktrin“ – liest sich, als habe sie Michael Corleone aus „Der Pate“ mit dem Waffenöl geschrieben, mit dem er seinen Revolver schmiert. Ihre wesentlichen Punkte sind:
- Die USA stellen ihre Vormachtstellung in der westlichen Hemisphäre wieder her. Gemeint sind Nord-, Mittel- und Südamerika und die umliegenden Meere und Ozeane – die gesamte westliche Halbkugel des Planeten.
- Staaten innerhalb des Machthorizonts werden „herangezogen“, gemeinsam mit den USA Stabilität und Sicherheit in der Region zu gewährleisten. Wer sich dagegen politisch, militärisch oder wirtschaftlich von Akteuren außerhalb der Hemisphäre beeinflussen lässt, dem droht Schlimmes, denn:
- Die Doktrin stellt ausdrücklich fest, dass Interventionen in die Eigenmächtigkeit und Souveränität anderer Nationen unter gewissen Voraussetzungen gerechtfertigt sind. Die Kriterien sind betont weich gehalten.
Die Doktrin wird bereits umgesetzt. Fragen Sie mal Nicolás Maduro. Bei Nacht und Nebel entführten US-Spezialeinheiten den venezolanischen Diktator aus seiner Residenz, während Bomben über der Hauptstadt Caracas niedergingen. Dutzende Menschen starben. Maduro befindet sich inzwischen in New York – natürlich, wo sonst – und wird dort vor ein US-Gericht gestellt. Wegen Terrorismus und Drogenexport. Verhandlungen mit ihm waren im Vorfeld offenbar versandet. Die Mafia-Legende Al Capone hätte sich selbst zitiert angesichts dieses Coups: „Mit einem freundlichen Wort und einer Knarre kommt man viel weiter als mit nur einem freundlichen Wort.“ So hält es Trump offenbar auch mit dem Völkerrecht.
Maduro war von jeher ein Machthaber von Russlands und Chinas Gnaden. Sein Land und die Menschen darin ächzten nicht nur unter seiner Knute, sondern auch unter Sanktionen, Hyperinflation, Güterknappheit und der Emigration der Eliten ins Ausland. Ohne Kredite aus China und Waffen aus Russland, bezahlt mit dem Öl, das Donald Trump gerne hätte, wäre das Land Maduro schon vor Jahren um die Ohren geflogen. Chinas und Russlands Einfluss in Lateinamerika will die „Donroe-Doktrin“ der USA jedoch beenden. „Stell dich niemals für jemand anderen gegen die Familie“, sagt Michael Corleone im zweiten Teil des „Paten“ zu seinem Bruder Fredo.
Auch Grönland wird von Donald Trump als Teil des Einflussgebietes der USA betrachtet. Geografisch hat er nicht einmal ganz unrecht, aber politisch gehört es zu Dänemark. Seit Monaten droht er, die Insel zu annektieren oder zu besetzen. An Bord der Air Force One donnerte er vor Reportern, es sei im sicherheitspolitischen Interesse der Europäer, dass sein Land Grönland übernehme: „Und das wissen die auch“. Seinen Vizestabschef Stephen Miller lässt er noch klarere Ansagen in Richtung Kopenhagen machen, dessen Frau assistiert ihm mit einem bedrohlichen Posting auf der Plattform „X“. Selbst wenn Trump keine Truppen einsetzt, um sich das eisige Eiland einzuverleiben, so versucht seine Administration doch, Dänemark mit Drohungen und Anspielungen zu zermürben. Wer „Der Pate“ kennt, der mag sich schon fragen, was wohl das Äquivalent zu dem abgeschnittenen Pferdekopf sein wird, das Trump dem Nato-Partner Dänemark ins Bett legt. Wie sagte Vito Corleone? „Ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte.“

Auf der anderen Seite der Welt ist Wladimir Putin schon ein paar Schritte weiter. Die Ukraine hat er bereits überfallen, allen weltweiten Aufschreien zum Trotz und unter einer höchstens halbherzigen „du, du, du!“-Ermahnung der USA. Kaum verhohlen schielt er nach dem Baltikum und in den Kaukasus. Belarus ist ein Vasallenstaat, der asiatische Teil der ehemaligen GUS hängt wirtschaftlich am Tropf von Moskau. Solange Putin das Gebiet der Nato unberührt lässt, wird ihm niemand Einhalt gebieten, seinen Traum von einer Sowjetunion 2.0 weiterzuverfolgen.
Derweil scheint China zuzusehen und zu lernen. Nur zu gerne würde Präsident Xi die aus seiner Sicht abtrünnige Provinz Taiwan wieder in den Schoß des Reichs der Mitte holen. Was Trump in Venezuela gewagt hat, wie er sich gegenüber Grönland positioniert und wie Putin die Ukraine zu erobern versucht, könnte die Blaupause für Peking sein.
Taiwan ist nur ein erstes Ziel. Im Südchinesischen Meer beansprucht Peking strategisch wichtige Archipel und Inselgruppen. Dort hindurch und über den Pazifik sollen Handelsrouten entstehen, neue „maritime Seidenstraßen“, die China kontrollieren will. In Südostasien schafft Xis Regierung mit gewaltigen Investitionen Fakten. Japan und Südkorea, aber auch Australien und Neuseeland sollen zumindest nicht noch weiter unter den Einfluss der USA geraten.
Diese drei großen Einflusszonen machen den Planeten auf eine Art übersichtlich, die tatsächlich an das New York der Paten in den 1930er-Jahren erinnert.

Die Grenzen jedoch sind butterweich, und an vielen Fronten glimmen die Lunten. Russland wie China versuchen nicht ohne Erfolg, einen Fuß auf afrikanischen Boden zu bekommen. Putin hat Militärhilfen und seine Wagner-Söldner dorthin geschickt, wo sich Regierungen alleine nicht halten würden. China setzt vorwiegend auf wirtschaftliche Abhängigkeiten, baut Häfen, lässt Wasserkraftwerke an Staudämmen entstehen und verlegt Eisenbahnnetze. Auf Pump – auch das macht abhängig.
Und Europa? Mäandert zwischen der neuen Koordination der geopolitischen Ordnung. Militärisch zu klein, wirtschaftlich im Abschwung, politisch zersplittert. Während die USA, Russland und China große Pläne schmieden, herrscht zwischen Lissabon und Helsinki Kleinstaaterei, die der neuen Weltunordnung wenig entgegenzusetzen hat. So bliebe nur die Rolle des Anhängsels der USA. Doch Amerika ist nun nicht mehr Schutzmacht, sondern Rivale. Die Drohungen gegen Grönland sind ein klarer Beleg dafür, wie meine Kollegin Nilofar Breuer schreibt.
Trump, Putin und Xi scheinen sich die Welt zu machen, wie sie ihnen gefällt. Jeder Boss beherrscht sein Viertel. Wer dort nicht spurt, liefert oder zahlt, bekommt die Macht des Dons zu spüren. Wird eingeschüchtert. Bedroht. Bezieht Prügel. Oder wird letztlich besiegt und geschluckt. Was im Hinterhof der anderen Viertel passiert, interessiert die jeweils anderen Bosse kaum. Gegenseitig kommt man sich möglichst nicht in die Quere.
Diese „New World Order“ respektiert das Völkerrecht nicht mehr, nicht einmal als Feigenblatt. Es herrscht ganz offen das Recht des Stärkeren. Wie damals in den Straßen der Bronx. Der Staatengemeinschaft sind die Hände gebunden, wie seinerzeit der New Yorker Stadtverwaltung. Die USA, Russland und China können im UN-Sicherheitsrat jede Sanktion blockieren, dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag haben sie den Rücken gekehrt. Und der ehemalige Weltpolizist USA hat unter Trump die Seiten gewechselt, ist zum Paten geworden. Es gilt jetzt das Gesetz der Dons.
