Jetzt ist es noch Abschiebung per Algorithmus
Wie ICE mit Palantir-Software Stadtviertel kartiert und Menschen zu „Wahrscheinlichkeiten“ macht
Ein investigativer Bericht von 404 Media legt offen, wie die US-Einwanderungsbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) ein neues, hochgradig invasives Überwachungsinstrument vorbereitet. Das System – eine App mit dem Namen Elite – stammt vom Datenanalyse-Konzern Palantir und verwandelt ganze Wohnviertel in digitale Ziellisten. Menschen erscheinen darin nicht mehr als Individuen, sondern als Punkte auf einer Karte – versehen mit numerischen „Vertrauens-“ bzw. Abschiebungswerten.
Google Maps für Razzien
Nach Aussagen eines ICE-Beamten, der in Oregon unter Eid aussagte, funktioniert Elite „im Grunde wie Google Maps“. Ermittler können in der App durch Städte zoomen, Viertel markieren und einzelne Profile anklicken. Zu sehen sind Namen, Fotos, mutmaßliche Adressen – und ein Konfidenzwert, der schätzt, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich eine Person tatsächlich an dieser Adresse aufhält. Werte wie „90 von 100“ oder „75 von 100“ entscheiden darüber, wen Einsatzteams an einem bestimmten Tag aufsuchen.
Die Logik dahinter ist ebenso simpel wie beunruhigend: Je höher der Wert, desto „lohnender“ das Ziel. Abschiebung wird zur Frage statistischer Wahrscheinlichkeit.
Daten aus dem Gesundheitsministerium
Besonders brisant ist die Herkunft der Daten. Dem Bericht zufolge greift das System auch auf Informationen des US-Gesundheitsministeriums Department of Health and Human Services (HHS) zurück. Gesundheitsdaten, ursprünglich erhoben zur Versorgung und zum Schutz der Bevölkerung, fließen damit in ein Instrument ein, das gezielt für Durchsuchungen, Razzien und Abschiebungen eingesetzt wird. Die Grenze zwischen Sozialstaat und Sicherheitsapparat verschwimmt.
Der Bericht mit deutschen Untertiteln:
Einsatzplanung per Knopfdruck
Ein geleaktes Benutzerhandbuch, das dem Investigativjournalisten Joseph Cox zugespielt wurde, beschreibt die Funktionsweise im Detail. ICE-Beamte können ganze Viertel einkreisen und sich sämtliche dort erfassten Profile anzeigen lassen. Sie können nach bestimmten Bevölkerungsgruppen filtern, Einsatzpläne erstellen und Ziellisten direkt an Teams vor Ort verschicken. Lokale Razzien werden so Teil eines landesweiten, datengetriebenen Operationssystems.
Was früher mühsame Ermittlungsarbeit war, wird zur automatisierten Routine: markieren, filtern, losschicken.
Der Mensch als Datensatz
Kritiker sehen darin einen weiteren Schritt hin zu einer technokratischen Form staatlicher Gewalt. Entscheidungen mit existenziellen Folgen – Festnahme, Inhaftierung, Abschiebung – werden nicht mehr primär auf individueller Prüfung, sondern auf algorithmischen Bewertungen aufgebaut. Fehlerhafte Daten, veraltete Informationen oder statistische Verzerrungen können reale Menschen unmittelbar treffen.
Zugleich entsteht eine neue Form kollektiver Verdächtigung: Nicht mehr nur einzelne Personen, sondern ganze Nachbarschaften gelten als „zielreiche Umgebungen“. Wer dort lebt, gerät automatisch ins Raster – unabhängig von individuellem Verhalten.
Ein Modell mit Zukunft
Der Fall Elite ist mehr als eine einzelne App. Er zeigt, wie staatliche Behörden Big-Data-Werkzeuge nutzen, um komplexe gesellschaftliche Fragen in technische Probleme zu übersetzen – und sie anschließend mit scheinbar objektiven Zahlen zu lösen. Was heute für Einwanderungsrazzien eingesetzt wird, lässt sich morgen auf andere Politikfelder übertragen: Sozialleistungen, Polizei, Gesundheit, politische Überwachung.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie ICE dieses System nutzt. Sondern: Wie weit ein Staat gehen darf, wenn er beginnt, seine Bevölkerung nicht mehr als Bürger mit Rechten zu betrachten, sondern als Datensätze mit Wahrscheinlichkeitswerten.
