Der von PCMag analysierte Bericht klingt auf den ersten Blick harmlos: Kinder sollen im Internet besser geschützt werden. Doch hinter der technischen Sprache verbirgt sich möglicherweise einer der tiefgreifendsten Eingriffe in die digitale Freiheit seit der Einführung des modernen Internets. Denn künftig könnten Betriebssysteme selbst – Windows, macOS, Android oder ChromeOS – verpflichtet werden, das Alter jedes Nutzers zu erfassen und diese Information automatisch an Webseiten und Apps weiterzugeben.
Das Ende des anonymen Computers?
Bislang war Ihr Computer lediglich ein Werkzeug. Ob Sie eine Nachrichtenseite besuchten, ein Video anschauten oder einen Blog lasen, spielte für Ihr Betriebssystem keine Rolle.
Genau das könnte sich nun ändern.
Die neue Generation von Altersverifikationssystemen soll nicht mehr auf einzelnen Webseiten stattfinden. Stattdessen würde das Betriebssystem selbst zu einer Art digitalem Ausweiskontrolleur werden.
Ihr Computer oder Smartphone könnte künftig bei jedem Besuch einer Webseite ein digitales Signal aussenden:
„Dieser Nutzer ist über 18.“
Oder:
„Dieser Nutzer ist minderjährig.“
Der Nutzer selbst würde diese Prüfung möglicherweise nicht einmal mehr aktiv wahrnehmen.
Aus Sicht der Befürworter ist das ein Fortschritt. Aus Sicht von Datenschützern ist es der Beginn einer völlig neuen Infrastruktur zur Identitätskontrolle.
Vom Jugendschutz zur digitalen Identität
Offiziell geht es um den Schutz von Kindern.
Doch Kritiker verweisen auf eine bekannte politische Dynamik: Neue Kontrollsysteme werden fast immer mit einem allgemein akzeptierten Ziel eingeführt und später ausgeweitet.
Zunächst geht es um Pornografie.
Danach um Glücksspiel.
Später um soziale Medien.
Dann um politische Inhalte, Desinformation, Hassrede oder andere Kategorien.
Sobald eine technische Infrastruktur existiert, wächst regelmäßig der politische Druck, diese auch für weitere Zwecke zu nutzen.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Kinder geschützt werden sollen.
Die Frage lautet:
Warum muss dafür jeder Computerbesitzer eine digitale Altersidentität mit sich führen?
Der Computer wird zum Kontrollinstrument
Besonders bemerkenswert ist die Verschiebung der Verantwortung.
Bislang mussten Webseiten selbst entscheiden, ob sie eine Altersprüfung verlangen.
Künftig könnte diese Funktion direkt ins Betriebssystem integriert werden.
Damit würde Microsoft, Apple, Google oder andere Betriebssystemanbieter zu zentralen Verwaltern digitaler Altersnachweise werden.
Das Betriebssystem würde dann nicht mehr nur Programme starten.
Es würde Informationen über seinen Nutzer verwalten und diese bei Bedarf an Dritte weitergeben.
Damit entsteht eine völlig neue Ebene der Kontrolle zwischen Nutzer und Internet.
Die Infrastruktur existiert bereits
Noch bemerkenswerter ist, dass diese Entwicklung nicht isoliert stattfindet.
In Großbritannien werden Alterskontrollen bereits ausgeweitet.
Australien plant ähnliche Maßnahmen.
Die Europäische Union entwickelt parallel die digitale Identitäts-Wallet, über die Bürger künftig verschiedene digitale Nachweise verwalten sollen.
Offiziell handelt es sich dabei um getrennte Projekte.
Technisch betrachtet bewegen sie sich jedoch alle in dieselbe Richtung:
Eine digitale Identität, die jederzeit bestätigt werden kann.
Der Nutzer soll nachweisen können, wer er ist, wie alt er ist und welche Berechtigungen er besitzt.
Heute das Alter – morgen alles andere?
Genau hier sehen Bürgerrechtsorganisationen die größte Gefahr.
Denn sobald ein Computer automatisch Altersnachweise übermitteln kann, könnte dieselbe Infrastruktur theoretisch auch andere Informationen verwalten:
- Staatsangehörigkeit
- Aufenthaltsstatus
- Führerschein
- Impfstatus
- Digitale Zertifikate
- Berufsberechtigungen
- Steuerinformationen
- Online-Berechtigungen
Die Technologie unterscheidet nicht zwischen einer Altersprüfung und anderen digitalen Nachweisen.
Wer die Infrastruktur für das eine baut, baut sie automatisch auch für das andere.
Die schleichende Transformation des Internets
Über Jahrzehnte war das Internet ein Raum, in dem Nutzer weitgehend anonym Informationen abrufen konnten.
Dieses Prinzip wird zunehmend infrage gestellt.
Immer mehr Regierungen fordern Identifizierungspflichten, Alterskontrollen und digitale Nachweise.
Kritiker sprechen deshalb von einer schleichenden Transformation:
Weg vom offenen Internet.
Hin zu einem Internet, in dem jede Person zunächst ihre digitale Berechtigung nachweisen muss, bevor sie Zugang erhält.
Der eigentliche Wendepunkt
Der entscheidende Punkt des PCMag-Berichts liegt nicht in der Altersprüfung selbst.
Der eigentliche Wendepunkt besteht darin, dass die Kontrolle künftig direkt auf der Ebene des Betriebssystems stattfinden könnte.
Wenn Ihr Computer Ihr Alter kennt, es überprüft und an Dritte weitergibt, dann verändert sich die Rolle des Computers grundlegend.
Er ist dann nicht mehr nur Ihr Gerät.
Er wird zu einem digitalen Gatekeeper, der entscheidet, welche Informationen über Sie an Webseiten, Plattformen und Dienste weitergereicht werden.
Und genau deshalb betrachten viele Datenschützer diese Entwicklung als weit mehr als eine Jugendschutzmaßnahme.
Für sie ist sie ein weiterer Schritt in Richtung einer digitalen Identitätsinfrastruktur, bei der der Zugang zum Internet zunehmend an überprüfbare persönliche Merkmale geknüpft wird.
Ihr Computer meldet künftig Ihr Alter an Webseiten – der nächste Schritt zur digitalen Kontrolle?
