Die Verhandlungen zwischen Iran und den USA stehen offenbar an einem Punkt, an dem Teheran nicht mehr nur Zugeständnisse verlangt, sondern eine vollständige Neuordnung der amerikanischen Machtstellung im Nahen Osten fordert.
Nach den im Gespräch mit Larry Johnson diskutierten Berichten verlangt Iran einen dauerhaften Waffenstillstand, den Rückzug amerikanischer Kräfte aus der Region, volle Sanktionsaufhebung, die Freigabe eingefrorener Gelder, 300 Milliarden Dollar Wiederaufbaukompensation sowie Kontrolle über die Straße von Hormus. Johnson weist jedoch darauf hin, dass besonders die Forderung nach 300 Milliarden Dollar bislang nicht eindeutig offiziell bestätigt sei.
Der entscheidende Punkt: Iran tritt nicht wie ein geschwächter Staat auf, der um Erleichterungen bittet. Teheran verhandelt, als habe es den strategischen Hebel in der Hand. Und dieser Hebel heißt: Hormus.
Die Straße von Hormus als Druckmittel
Die Straße von Hormus ist eines der empfindlichsten Energie-Nadelöhre der Welt. Wer dort Kontrolle ausübt, beeinflusst Ölpreise, LNG-Ströme, Versicherungsprämien, Lieferketten und letztlich die Weltwirtschaft.
Johnson erklärt, Iran habe seine Position klar formuliert: Sanktionen runter, Vermögenswerte freigeben, Krieg in Gaza und Libanon stoppen – und akzeptieren, dass Iran an Hormus eine führende Rolle beansprucht. Teheran wolle dort Gebühren erheben, ob als Nutzergebühr oder Umweltabgabe.
Damit würde Iran nicht nur wirtschaftlichen Druck aufbauen, sondern ein strategisches Kontrollinstrument über den Golf etablieren. Für Washington wäre das ein direkter Angriff auf ein Ordnungssystem, das jahrzehntelang auf US-Flugzeugträgern, Militärbasen und Sanktionsmacht beruhte.
Trump zwischen Deal und Drohung
Johnson beschreibt Trump als widersprüchlich: An einem Tag signalisiert er Verhandlungsbereitschaft, am nächsten droht er wieder mit militärischer Eskalation. Im Gespräch fällt sinngemäß das Bild eines „menschlichen Pingpong-Balls“ – hin- und hergerissen zwischen Deal, Druck aus Israel, innenpolitischen Interessen und den Hardlinern in Washington.
Besonders auffällig ist laut Johnson, dass Iran sich von diesen Drohungen nicht mehr beeindrucken lässt. Teheran habe seine roten Linien formuliert und scheine nicht bereit zu sein, sie aufzugeben: Urananreicherung, Verfügung über angereichertes Uran, Autorität über Hormus und Aufhebung der Sanktionen.
Das ist der Kern der neuen Lage: Die USA drohen noch – aber Iran wirkt nicht mehr wie ein Gegner, der zurückweicht.
Israel, Libanon und die zweite Front
Parallel dazu eskaliert die Lage im Libanon. Johnson betont, Israel versuche weiterhin, den Süden Libanons massiv unter Druck zu setzen. Gleichzeitig habe die Hisbollah ihre Fähigkeiten nicht verloren, sondern offenbar ausgebaut – insbesondere im Bereich Drohnen.
Das ist für Israel gefährlich. Denn Luftangriffe können Gebäude zerstören, aber sie beseitigen keine eingegrabene, bewegliche und kampferfahrene Organisation. Johnson argumentiert, dass Israel zwar bombardieren könne, damit aber die Kontrolle am Boden nicht automatisch gewinne. Je weiter Israel vorstoße, desto größer würden die eigenen Verluste.
In dieser Lage wird jeder Deal zwischen Washington und Teheran auch zur Frage für Netanjahu: Akzeptiert Israel eine neue regionale Ordnung – oder versucht es, die Eskalation weiterzutreiben?
Der mögliche Abzug der USA aus der Region
Besonders brisant ist Johnsons Einschätzung, dass ein ernsthafter Deal auch sichtbare militärische Folgen haben müsste. Ein mögliches Signal wäre der Abzug amerikanischer Luftwaffeneinheiten und Militärflugzeuge aus der Region. Im Gespräch wird erwähnt, dass laut israelischen Berichten US-Militärflugzeuge im Fall einer Einigung binnen 72 Stunden aus Israel nach Europa verlegt werden könnten.
Sollte das eintreten, wäre es mehr als eine technische Verlegung. Es wäre ein Symbol: Die USA wären nicht mehr bereit, dauerhaft als militärischer Schutzschirm Israels und der Golfordnung aufzutreten.
Johnson geht noch weiter: Wenn die russisch-chinesische Vision für die Region Realität werde, verschwinde die amerikanische Militärpräsenz langfristig aus dem Golfraum.
China als Gewinner der neuen Ordnung
In Johnsons Analyse wäre China einer der großen Gewinner. Wenn Iran Wiederaufbau braucht, wenn Infrastruktur repariert, Häfen modernisiert, Energieanlagen aufgebaut und Verkehrswege gesichert werden müssen, dann werden nach seiner Einschätzung chinesische Ingenieure, Arbeiter und Unternehmen bereitstehen.
Das passt zur Logik der Neuen Seidenstraße: China muss nicht wie die USA mit Militärbasen dominieren. Peking baut Infrastruktur, bindet Länder wirtschaftlich ein und schafft Abhängigkeiten über Handel, Technologie und Finanzierung.
Ein 300-Milliarden-Dollar-Wiederaufbauprogramm für Iran wäre deshalb nicht nur eine Entschädigung. Es wäre der mögliche Startschuss für eine tiefere Einbindung Irans in eine chinesisch geprägte Wirtschaftsordnung.
Der strategische Absturz der USA
Für Washington wäre ein solcher Deal ein geopolitischer Rückzug von historischem Ausmaß.
Seit Jahrzehnten beruht die US-Macht im Nahen Osten auf vier Säulen:
- Militärbasen am Golf
- Kontrolle strategischer Energiewege
- Sanktionsmacht gegen Iran
- Schutzversprechen gegenüber Israel und Golfmonarchien
Wenn Iran nun Sanktionserleichterungen, Geldfreigaben, Wiederaufbauhilfen, Hormus-Kontrolle und US-Truppenabzug gleichzeitig auf den Tisch legt, dann geht es nicht mehr um einen normalen Friedensvertrag. Es geht um die Demontage der bisherigen US-Architektur im Nahen Osten.
Johnson sieht genau darin die tektonische Verschiebung: Die USA verlieren Abschreckungskraft, Israel verliert strategische Sicherheit, Iran gewinnt Spielraum, China gewinnt Einfluss und Russland erhält eine zusätzliche Front gegen westliche Dominanz.
Fazit: Kein Friedensdeal, sondern eine neue Weltordnung im Nahen Osten
Was hier verhandelt wird, ist weit mehr als ein Waffenstillstand. Es geht um die Frage, wer künftig die Regeln im Nahen Osten schreibt.
Wenn Iran mit seinen Forderungen auch nur teilweise durchkommt, wäre das ein dramatischer Machtverlust für Washington. Die USA müssten akzeptieren, dass ihre jahrzehntelange Strategie aus Sanktionen, Militärbasen und Druckpolitik an ihre Grenzen gestoßen ist.
Für Iran wäre es ein historischer Sieg:
Sanktionen gelockert, Gelder freigegeben, Hormus anerkannt, US-Truppen zurückgedrängt und Wiederaufbau finanziert.
Für Israel wäre es ein strategischer Albtraum:
Ein gestärkter Iran, eine kampffähige Hisbollah und ein Amerika, das nicht mehr automatisch jede Eskalation absichert.
Und für China und Russland wäre es ein weiterer Beweis, dass die westlich dominierte Ordnung nicht mehr unangefochten ist.
Kurz gesagt: Sollte dieser Deal Realität werden, endet nicht nur eine Eskalation. Dann beginnt eine neue Machtordnung im Nahen Osten.
