Während die Aufmerksamkeit der Welt auf den Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran gerichtet ist, entfaltet sich parallel eine zweite, weniger beachtete Entwicklung mit potenziell ebenso weitreichenden Folgen für die globale Wirtschaft: Angriffe auf zentrale Energieinfrastruktur – sowohl im Nahen Osten als auch tief im russischen Hinterland.
In der Nacht vom 22. auf den 23. März griffen ukrainische Drohnen den russischen Hafen Primorsk in der Region Leningrad an. Treibstofftanks gerieten in Brand, das Personal wurde evakuiert, die Löscharbeiten dauern an. Gouverneur Alexander Drosdenko bestätigte den Angriff, während das russische Verteidigungsministerium erklärte, dass insgesamt 249 Drohnen über russischem Gebiet gestartet worden seien, davon mehr als 70 allein über der Region Leningrad abgefangen. Die Drohnen, die durchkamen, trafen einen der wichtigsten Rohöl-Exporthäfen der Ostsee.
Primorsk gehört zu den zentralen Knotenpunkten des russischen Energieexports. Der Hafen verarbeitet etwa 1 bis 1,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag und erreicht einen jährlichen Umschlag von rund 80 bis 100 Millionen Tonnen. Als Endpunkt des Baltischen Pipelinesystems ist er entscheidend für den Export von Urals-Rohöl, auch über alternative Transportwege, die zur Umgehung westlicher Sanktionen genutzt werden. Infolge des Angriffs stellten sowohl Primorsk als auch der nahegelegene Hafen Ust-Luga ihren Betrieb vorübergehend ein.
Die strategische Bedeutung dieses Angriffs ergibt sich nicht nur aus der Größe des Ziels, sondern auch aus seiner Lage: Primorsk liegt mehr als 1.000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Es handelt sich somit nicht um einen frontnahen Schlag, sondern um einen gezielten Angriff auf die Infrastruktur, die einen erheblichen Teil der russischen Staatseinnahmen sichert.
Parallel dazu verschärft sich die Lage im Nahen Osten. Ein Bericht unter Berufung auf die Internationale Energieagentur (IEA) zeigt, dass mehr als 40 Energieanlagen in neun Ländern der Region schwer oder sehr schwer beschädigt wurden. Betroffen sind Ölfelder, Raffinerien und Pipelines – also die gesamte Wertschöpfungskette der Energieproduktion und -verteilung. Die IEA warnt, dass die Wiederherstellung dieser Infrastruktur lange dauern könnte und selbst nach einem möglichen Ende der Kampfhandlungen anhaltende Störungen wahrscheinlich sind.
Besonders gravierend ist die Situation rund um die Straße von Hormus. Diese Meerenge ist einer der wichtigsten Engpässe des globalen Energiesystems, durch den normalerweise etwa 20 Millionen Barrel Öl pro Tag transportiert werden. Aktuelle Einschätzungen gehen davon aus, dass zwischen 7 und 10 Millionen Barrel pro Tag aufgrund der Eskalation nicht mehr auf den Markt gelangen. Die Route ist damit faktisch stark eingeschränkt, was unmittelbare Auswirkungen auf die weltweiten Energiepreise und Lieferketten hat.
In der Gesamtbetrachtung ergibt sich ein Bild, das weit über einen regionalen Konflikt hinausgeht. Zwei zentrale Energie-Knotenpunkte der Welt stehen gleichzeitig unter Druck: der Persische Golf als Herzstück der globalen Ölversorgung und die Ostsee als wichtiger Exportkorridor Russlands. Beide liegen tausende Kilometer voneinander entfernt, sind aber durch ihre Bedeutung für den Weltmarkt eng miteinander verknüpft.
Die Folgen betreffen nicht nur den Energiesektor. Steigende Öl- und Gaspreise wirken sich direkt auf die globale Inflation aus, während Unterbrechungen bei petrochemischen Produkten und Düngemitteln auch die Lebensmittelproduktion beeinflussen können. Besonders stark betroffen sind energieabhängige Volkswirtschaften in Asien, darunter China, dessen industrielle Leistungsfähigkeit in hohem Maße von stabilen Energieimporten aus der Golfregion abhängt.
Damit verschiebt sich der Charakter des Konflikts. Energieinfrastruktur ist nicht länger nur ein Nebenkriegsschauplatz, sondern rückt ins Zentrum der strategischen Auseinandersetzung. Die Kontrolle über Transportwege, Produktionskapazitäten und Exportterminals entscheidet zunehmend über den Verlauf des Konflikts und seine globalen Auswirkungen.
Was sich derzeit abzeichnet, ist keine isolierte militärische Eskalation, sondern eine systemische Krise des globalen Energiemarktes. Zwei parallele Konflikte erzeugen gleichzeitig Engpässe in entscheidenden Teilen der weltweiten Versorgung. Die daraus entstehenden Schockwellen könnten die internationale Wirtschaftsordnung nachhaltig verändern.
Quellen:
Russia’s Baltic ports halt oil and fuel exports after drone attacks, sources say
Global energy watchdog says over 40 Mideast energy sites heavily damaged by conflict
https://uncutnews.ch/drohnenangriff-trifft-russlands-oelherz-gleichzeitig-kollabiert-der-golf/
