Als Klaus Schwab auf einer Bühne erklärte, die vierte industrielle Revolution führe zur „Verschmelzung unserer physischen, digitalen und biologischen Identitäten“, klang das für viele nach technologischem Fortschritt. Für andere war es ein Warnsignal. Denn dieser Satz fiel nicht irgendwo – sondern im Umfeld des World Economic Forum, wo sich Konzernchefs, Staatsoberhäupter und Technologiekonzerne hinter verschlossenen Türen austauschen.
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Schwab beschreibt die neue Epoche als Kombination aus KI, Genetik, Hirnforschung, Sensorik und digitaler Infrastruktur. Der Mensch werde zunehmend Teil eines vernetzten Systems, in dem Körper, Daten und Identität zusammengeführt werden. Offiziell geht es um Effizienz, personalisierte Medizin, Innovation. Doch parallel erleben wir weltweit eine politische Bewegung hin zu digitaler Identitätsinfrastruktur – oft unter dem Vorwand des Jugendschutzes.
Immer mehr Länder diskutieren Alterskontrollen im Netz. Technisch läuft das in vielen Fällen auf eine Form digitaler Identifikation hinaus. Wer bestimmte Inhalte sehen will, muss nachweisen, dass er „über 18“ ist. Was wie eine pragmatische Lösung klingt, schafft in der Praxis neue Datenströme. Identitätsnachweise, biometrische Verifikation, Wallet-Systeme. Schritt für Schritt entsteht eine Infrastruktur, die weit über den ursprünglichen Zweck hinaus einsetzbar ist.
Die politische Rahmung lautet: Schutz der Kinder.
Die strukturelle Wirkung lautet: Aufbau einer digitalen Identitätsarchitektur.
Und genau hier beginnt die kritische Frage: Wenn digitale Identität zur Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe wird – für Social Media, Finanztransaktionen, Gesundheitsdienste, Reisen – dann verändert sich das Machtgefüge zwischen Individuum und Staat grundlegend.
Das WEF propagiert seit Jahren Public-Private-Partnerships. Staaten arbeiten eng mit Big Tech zusammen. NGOs, Think Tanks und Technologieunternehmen entwickeln Konzepte für digitale Governance. Transparenz? Kaum. Demokratische Kontrolle? Schwierig nachvollziehbar. Die Treffen in Davos sind nicht öffentlich einsehbar, Protokolle sind selten vollständig zugänglich, informelle Absprachen bleiben informell.
Zugleich existiert die United Nations-Initiative „Agenda 2030“, offiziell ein Nachhaltigkeitsrahmen mit 17 Entwicklungszielen. Kritiker sehen darin weniger ein Umwelt- und Armutsprogramm als eine langfristige Umstrukturierung globaler Governance-Strukturen. Digitale Identitätssysteme, zentrale Datenerfassung, ESG-Bewertungssysteme und technokratische Steuerungsmodelle würden – so der Vorwurf – unter diesem Dach koordiniert.
Beweisbar ist ein Masterplan nicht. Aber es gibt Indizien für eine strukturelle Entwicklung:
• Zunehmende digitale Identitätssysteme
• Biometrische Erfassung als Standard
• KI-gestützte Datenauswertung
• Enge Verzahnung von Staat und Big Tech
• Internationale Abstimmung über regulatorische Rahmen
Schwabs Vision der „Verschmelzung“ erhält vor diesem Hintergrund eine andere Lesart. Wenn physische, digitale und biologische Identität zusammengeführt werden, entsteht nicht nur Innovation – es entsteht auch eine neue Ebene der Steuerbarkeit. Wer die Identität kontrolliert, kontrolliert den Zugang. Wer den Zugang kontrolliert, kontrolliert Verhalten.
Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Technologie Fortschritt bringt. Sondern: Wer definiert die Regeln? Wer besitzt die Daten? Wer kann Zugänge sperren? Und wer entscheidet, was „sicher“, „nachhaltig“ oder „verantwortungsvoll“ ist?
Die Geschichte zeigt: Infrastruktur schafft Macht. Und digitale Identitätsinfrastruktur ist kein neutraler Verwaltungsakt, sondern eine der mächtigsten Steuerungsarchitekturen des 21. Jahrhunderts.
Schwabs Rede am WEF wirkt in diesem Kontext weniger wie eine neutrale Zukunftsbeschreibung – sondern wie die programmatische Skizze eines Systems, in dem Technologie, Staat und Konzerne enger verschmelzen als je zuvor.
Ob es sich um notwendigen Fortschritt oder um den schleichenden Aufbau einer Kontrollarchitektur handelt, ist keine Verschwörungstheorie – sondern eine politische Grundsatzfrage.
Und genau deshalb lohnt es sich, die Stirn nicht nur zu runzeln, sondern genauer hinzusehen.
