17. Februar 2026

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Good Cop, Bad Cop? Warum sich USA und EU im Ukraine-Krieg öffentlich streiten – aber strukturell untrennbar bleiben

 

Der Krieg als Geschäft: Warum sich USA und Europa strategisch kaum voneinander lösen können

Donald Trump sagt, er wolle den Ukraine-Krieg nicht länger finanzieren und strebe Frieden mit Russland an. Gleichzeitig laufen Waffenlieferungen an Kiew weiter, NATO-Staaten bestellen in großem Umfang US-Rüstungsgüter, und die EU erhöht ihre Verteidigungsbudgets massiv. Widerspruch – oder Strategie?

Die Vermutung eines „Good Cop / Bad Cop“-Spiels liegt für viele Beobachter nahe: Washington gibt sich verhandlungsbereit, während Europa Härte demonstriert – oder umgekehrt. Beweisen lässt sich eine solche koordinierte Rollenverteilung nicht. Doch angesichts der wirtschaftlichen Verflechtungen und der strukturellen Abhängigkeiten im transatlantischen Raum muss diese Möglichkeit zumindest analytisch in Betracht gezogen werden.

Die Dimension der Rüstungsindustrie

Die USA sind mit Abstand der größte Waffenexporteur der Welt. In den vergangenen Jahren entfielen rund 40 Prozent der globalen Rüstungsexporte auf die Vereinigten Staaten. Europa als NATO-Block ist dabei einer der wichtigsten Abnehmer.

Der militärisch-industrielle Komplex ist kein Randphänomen: Der US-Verteidigungshaushalt liegt bei über 800 Milliarden Dollar jährlich. Hunderttausende Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt an diesem Sektor. Konzerne wie Lockheed Martin, Raytheon, Northrop Grumman oder General Dynamics sind integraler Bestandteil der amerikanischen Industrie- und Exportstruktur.

Seit Beginn des Ukraine-Krieges haben zahlreiche europäische Staaten ihre Rüstungsimporte aus den USA deutlich erhöht. Moderne Systeme – F-35-Kampfjets, Patriot-Luftabwehr, HIMARS-Raketen – stammen überwiegend aus amerikanischer Produktion. Das schafft langfristige Abhängigkeiten, denn Wartung, Software-Updates, Ersatzteile und Ausbildungsstrukturen bleiben über Jahrzehnte an US-Anbieter gebunden.

Eine abrupte politische Trennung zwischen EU und USA würde daher nicht nur sicherheitspolitische, sondern massive industrieökonomische Folgen haben.

Energie als zweiter Hebel

Neben Waffen ist Energie der zweite strategische Pfeiler. Seit dem Wegfall russischer Pipeline-Gaslieferungen ist Europa einer der größten Abnehmer von US-LNG geworden. Die Vereinigten Staaten haben ihre Flüssiggasexporte massiv ausgeweitet – Europa ist zum Hauptmarkt avanciert.

Ein Ende der transatlantischen Sicherheitsarchitektur oder eine politische Abkopplung würde auch diese energieökonomische Achse gefährden. Für die USA ist Europa nicht nur ein Bündnispartner, sondern ein zentraler Absatzmarkt – sowohl militärisch als auch energetisch.

Systeme trennen sich nicht über Nacht

Selbst wenn politische Rhetorik in Wahlkampfzeiten schärfer wird, bleiben strukturelle Realitäten bestehen. NATO-Planungen, Geheimdienstkooperation, militärische Integration, gemeinsame Standards und Lieferketten – all das ist über Jahrzehnte gewachsen.

Der US-Präsident allein kann diese Verflechtungen nicht einfach auflösen. Der Kongress bewilligt Mittel, das Pentagon schließt mehrjährige Verträge, die Industrie plant langfristig. Auch in Europa ist die militärische Integration in NATO-Strukturen tief verankert.

Ein vollständiger Bruch würde nicht nur geopolitische Spannungen auslösen, sondern wirtschaftliche Verwerfungen auf beiden Seiten des Atlantiks.

Good Cop, Bad Cop?

Die These einer bewusst inszenierten Rollenverteilung – Washington als Friedensstifter, Europa als Hardliner oder umgekehrt – bleibt Spekulation. Belege dafür existieren nicht. Dennoch zeigt die Konstellation, dass harte Rhetorik und fortgesetzte Lieferungen sich nicht ausschließen müssen.

In geopolitischer Logik kann es sinnvoll sein, öffentlich Gesprächsbereitschaft zu signalisieren und gleichzeitig strategische Hebel aufrechtzuerhalten. Waffenlieferungen sichern Einfluss, Energieexporte sichern Märkte, NATO-Bindungen sichern politische Kontrolle.

Wirtschaftliche Interessen und sicherheitspolitische Narrative laufen dabei parallel.

Ein vollständiger Bruch zwischen den USA und Europa erscheint zudem strukturell kaum realistisch. Die Vereinigten Staaten unterhalten über 100 militärische Standorte in Europa, mit dem Schwerpunkt in Deutschland, Italien und Großbritannien. Allein in Deutschland sind rund 35 bis 40 US-Einrichtungen angesiedelt, darunter Ramstein als logistisches Drehkreuz, EUCOM und AFRICOM in Stuttgart sowie zentrale Truppenübungsplätze. Diese Infrastruktur ist nicht symbolisch, sondern operativ – sie bildet das Rückgrat der transatlantischen Militärarchitektur. Ein abrupter strategischer Rückzug würde nicht nur sicherheitspolitische, sondern auch massive wirtschaftliche Folgen haben, sowohl für die europäische Rüstungs- und Energiearchitektur als auch für die US-Industrie, die in erheblichem Maße vom NATO-Raum als Absatzmarkt abhängig ist. Wer daher von einer fundamentalen Trennung spricht, unterschätzt die Tiefe dieser institutionellen und ökonomischen Verflechtung.

Der Kern der Frage

Könnten sich USA und EU tatsächlich voneinander lösen? Realistisch betrachtet: kaum. Die wirtschaftliche und militärische Verflechtung ist zu tief. Die USA benötigen Europa als Absatzmarkt, als geopolitischen Brückenkopf und als sicherheitspolitischen Multiplikator. Europa wiederum ist in zentralen militärischen Bereichen von US-Technologie abhängig.

Ein transatlantischer Bruch würde beiden Seiten erheblichen Schaden zufügen – insbesondere aber einem Industriezweig, der in den USA eine enorme wirtschaftliche und politische Bedeutung besitzt.

Ob strategische Differenzen künftig wachsen oder ob sie Teil eines komplexen Spiels bleiben, ist offen. Sicher ist jedoch: Eine einfache Schwarz-Weiß-Erzählung greift zu kurz. Hinter öffentlichen Positionierungen stehen ökonomische Strukturen, die weit robuster sind als politische Schlagzeilen.

Der Krieg ist geopolitisch. Aber er ist auch ökonomisch. Und in dieser Dimension sind die transatlantischen Verbindungen stärker, als es die Rhetorik vermuten lässt.