28. Januar 2026

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Pharma-Giganten nun vor Gericht – Milliarden, Moral und Macht

 

Die Entscheidung eines US-Berufungsgerichts vom Januar 2026, eine Klage gegen mehrere internationale Pharma- und Medizintechnikkonzerne zuzulassen, wirft ein grelles Licht auf ein Problem, das weit über den konkreten Fall hinausgeht: die Diskrepanz zwischen öffentlichem Image, politischem Einfluss und tatsächlicher Verantwortung global agierender Unternehmen.

Nach der Entscheidung müssen Konzerne wie Pfizer, AstraZeneca, Johnson & Johnson, Roche oder GE Healthcare sich weiterhin vor Gericht verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, in den Jahren nach dem Irakkrieg über Geschäftsbeziehungen mit staatlichen Stellen Zahlungen und Sachleistungen erbracht zu haben, die indirekt auch von milizennahen Strukturen abgeschöpft worden sein sollen. Die Kläger, darunter Angehörige von Opfern, sehen darin eine Mitverantwortung für terroristische Gewalt. Das Gericht stellte ausdrücklich klar: Es geht nicht um eine Vorverurteilung, sondern darum, dass die Vorwürfe nicht einfach vom Tisch gewischt werden dürfen.

Allein diese Feststellung ist politisch und gesellschaftlich brisant. Denn es handelt sich um genau jene Konzerne, die heute als systemrelevant gelten, die mit Medikamenten, Impfstoffen und Medizintechnik Milliardenumsätze erzielen und deren Vertreter regelmäßig als moralische Autoritäten auftreten, wenn es um globale Gesundheit, Solidarität oder „die Wissenschaft“ geht. In öffentlichen Debatten werden sie oft als unverzichtbare Garanten des Fortschritts dargestellt, als rationale Gegenpole zu politischen Abweichlern, Populisten oder sogenannten Wissenschaftsleugnern. Dass ausgerechnet diese Firmen nun in einem Verfahren genannt werden, das sich um mutmaßliche Terrorfinanzierung dreht, passt schlecht zu diesem Bild – und erklärt vielleicht, warum der Vorgang medial vergleichsweise leise behandelt wird.

Der Fall berührt einen wunden Punkt: Globale Konzerne agieren nicht im luftleeren Raum. Sie operieren in Krisenregionen, autoritären Staaten und instabilen Nachkriegsgesellschaften, weil dort Märkte, Förderprogramme und staatliche Großaufträge locken. Das gilt für Öl-, Rüstungs- oder Baukonzerne genauso wie für die Pharmaindustrie. Wer dort Geschäfte macht, weiß – oder sollte wissen –, dass Geldflüsse und Lieferketten selten sauber von politischen Machtstrukturen zu trennen sind. Die immer wieder vorgebrachte Verteidigung, man habe lediglich mit „offiziellen Stellen“ kooperiert, wirkt in solchen Kontexten naiv oder vorgeschoben. Genau hier setzt die Klage an: Sie behauptet nicht, dass Manager persönlich Terroristen finanziert hätten, sondern dass Konzerne bewusst Risiken in Kauf nahmen, um profitable Verträge zu sichern.

Besonders heikel wird dieser Aspekt vor dem Hintergrund der letzten Jahre. Dieselben Unternehmen, die nun vor Gericht stehen, haben während der Pandemie beispiellose politische Rückendeckung erfahren. Regierungen schufen Haftungsfreistellungen, garantierten Abnahmemengen und schränkten Kritik teilweise massiv ein. Wer Zweifel äußerte, wurde nicht selten moralisch diskreditiert. Die Industrie präsentierte sich als selbstloser Retter, während gleichzeitig Milliardengewinne eingefahren wurden. Kritik an Preisen, Patenten oder Nebenwirkungen wurde oft pauschal als unsolidarisch oder wissenschaftsfeindlich abgetan. Vor diesem Hintergrund wirkt es geradezu ironisch, dass Fragen nach unternehmerischer Verantwortung nun ausgerechnet aus einem Terrorismusverfahren erwachsen.

Dabei geht es nicht darum, Impfstoffe oder Medikamente pauschal zu diskreditieren. Es geht um Macht und Kontrolle. Ein Wirtschaftszweig, der Milliarden verdient, globalen politischen Einfluss besitzt und sich zugleich auf moralische Überlegenheit beruft, muss sich besonders strenger Kontrolle stellen. Wenn Gerichte signalisieren, dass selbst solche Akteure nicht automatisch vor Klagen geschützt sind, ist das kein Angriff auf „die Wissenschaft“, sondern ein Ausdruck rechtsstaatlicher Normalität.

Auffällig ist auch die mediale Einordnung. Während kleinere Skandale bei anderen Branchen schnell als Beleg für „systemische Korruption“ gelten, wird bei der Pharmaindustrie auffällig vorsichtig formuliert. Meist ist von „Vorwürfen“, „komplexen Umständen“ oder „schwierigen Beweisfragen“ die Rede. All das mag juristisch korrekt sein, trägt aber dazu bei, ein Ungleichgewicht in der öffentlichen Wahrnehmung zu verfestigen. Genau dieses Ungleichgewicht kritisieren viele Beobachter seit Jahren: Einige Konzerne gelten faktisch als unangreifbar, weil sie als moralisch notwendig oder alternativlos präsentiert werden.

Der Prozess in den USA könnte daran zumindest rütteln. Er zwingt dazu, unangenehme Fragen zu stellen: Welche Geschäfte sind legitim? Welche Risiken dürfen Unternehmen eingehen? Und wo beginnt Mitverantwortung, auch wenn sie indirekt ist? Dass diese Fragen ausgerechnet an Firmen herangetragen werden, die sich selbst gern als ethische Leuchttürme darstellen, macht den Fall politisch explosiv.

Am Ende wird ein Gericht entscheiden, ob die Vorwürfe tragen oder nicht. Doch unabhängig vom Ausgang bleibt eine Erkenntnis: Wirtschaftliche Macht, auch im Namen der Gesundheit, darf nicht außerhalb kritischer Prüfung stehen. Wer Milliarden verdient, global agiert und politischen Einfluss ausübt, muss sich gefallen lassen, dass seine Rolle nicht nur gefeiert, sondern auch hinterfragt wird. Gerade dann, wenn es um Leben, Tod und Gewalt geht.