Es sind Bilder, die Ottawa nervös machen. Tausende Menschen stehen stundenlang Schlange, um ein Stück Papier zu unterschreiben, das den Anfang vom Ende Kanadas bedeuten könnte. Das konservative Alberta will sich vom liberalen Ottawa lösen.
In Alberta sammeln Bürger Unterschriften für ein Referendum über die Abspaltung von Kanada. Und das offenbar mit sehr großem Erfolg. 177.000 Unterschriften braucht es, um die Volksabstimmung auszulösen. Manche Sammelstellen melden bis zu 10.000 Signaturen an einem einzigen Tag. Die Separatisten sprechen offen von einer Million Unterstützern. In Ottawa schrillen bereits die Alarmglocken.
Alberta gilt seit Jahren als das politische Fremdkörper-Reservat Kanadas. Konservativ, rohstoffreich, wirtschaftlich produktiv – und chronisch genervt von einem politischen Zentrum, das von progressiven Eliten aus Ontario dominiert wird. Während in Ottawa Klimadogmen, Identitätspolitik und ideologische Regulierung gefeiert werden, lebt Alberta von Energie, Industrie und einer Kultur der Eigenverantwortung. Zwei Welten, die immer weniger miteinander zu tun haben.
Das geplante Referendum ist bewusst simpel gehalten: Ja oder Nein zur Abspaltung. Eine Mehrheit von 51 Prozent würde reichen, um einen formalen Trennungsprozess einzuleiten, der dann unter Aufsicht der Bundesregierung stattfinden müsste. Zwar behaupten Umfragen noch, rund 60 Prozent der Albertaner seien gegen eine Abspaltung. Doch Umfragen messen Stimmungen – Unterschriften messen Entschlossenheit. Und genau hier beginnt das Narrativ der Einheit zu bröckeln. Der massive Zulauf zur Petition zeigt, dass der Frust längst eine kritische Masse erreicht hat.
Die Ursachen liegen offen zutage. Alberta stellte sich gegen die autoritären Pandemie-Maßnahmen aus Ottawa, gegen Lockdowns, Kirchenschließungen, Geschäftsverbote und Impfzwang. Während andere Provinzen folgsam exekutierten, widersetzte sich Alberta – und wurde dafür medial und politisch abgestraft. Auch bei den neuen kanadischen Waffengesetzen steht Alberta quer. Schritt für Schritt sollen private Feuerwaffen verschwinden. Eine weitere Beschneidung der Bürgerrechte durch die liberale Zentralregierung.
Noch schwerer wiegt der ökonomische Konflikt. Alberta ist ein Rohstoffgigant, ein Energie-Motor, eine Einnahmequelle für den kanadischen Staat. Öl, Gas, Landwirtschaft, Bodenschätze – all das fließt in die föderalen Kassen. Zurück kommt wenig, außer Regulierungen, Blockaden und eine aggressive Klimapolitik, die gezielt die eigene Wirtschaftsgrundlage sabotiert. Das wollen die Menschen in Alberta nicht mehr einfach so hinnehmen.
Als kanadische Gerichte zunächst versuchten, das Referendum mit formalen Argumenten zu blockieren, indem sie die Fragestellung als verfassungswidrig und zu unklar einstuften, reagierte Alberta bemerkenswert schnell. Statt den Rechtsweg zu beschreiten, änderte das Parlament schlicht das Gesetz. Mit Bill 14 wurde die Verpflichtung gestrichen, dass Referendumsfragen mit der Verfassung im Einklang stehen müssen. Ein politischer Befreiungsschlag, der zeigt, wie ernst es der Provinz ist. Innerhalb weniger Tage war der Weg frei, die Petition lief weiter – und gewann noch an Dynamik.
Zusätzliche Brisanz bringt eine Klage der Sturgeon Lake Cree Nation. Die First Nation fordert per einstweiliger Verfügung einen Stopp des gesamten Prozesses und beruft sich auf historische Verträge mit der Krone. Der implizite Anspruch: Diese Verträge stünden über provincialem Recht und könnten eine Abspaltung blockieren. Juristisch ist das dünnes Eis. Eine Trennung Albertas würde bestehende Verträge nicht aus der Welt schaffen, sondern neue Verhandlungen erzwingen.
Gegner der Unabhängigkeit verweisen gerne auf Albertas angebliche wirtschaftliche Aussichtslosigkeit als Binnenland. Ein altbekanntes Schreckgespenst. Tatsächlich teilt Alberta eine lange Grenze mit den USA, dem größten Energie- und Wirtschaftsmarkt der Welt. Als souveräner Staat könnte Alberta genau jene Pipeline-Projekte realisieren, die Ottawa jahrelang blockiert hat. Energieexporte, vertiefte wirtschaftliche Integration mit den USA und eine eigene Ressourcenpolitik würden Alberta nicht verarmen, sondern zu einer der wohlhabendsten Regionen der westlichen Hemisphäre machen.
Geopolitisch ist Alberta ohnehin weit mehr als eine Provinz. Die Region reicht bis in die Nähe der Arktis, einem Raum, der zunehmend zum strategischen Zentrum globaler Machtverschiebungen wird. Frühwarnsysteme, NORAD-Stützpunkte und militärische Infrastrukturen in Alberta sind zentral für die US-Verteidigung. In einem Szenario eskalierender Spannungen zwischen Kanada und den USA könnten diese Standorte politisch zum Spielball werden. Ein unabhängiges, US-freundliches Alberta würde hier völlig neue strategische Optionen eröffnen.
Konservative Amerikaner scherzen bereits darüber, dass sie Alberta gerne nehmen würden und dazu bereit seien, den Kanadiern dafür Minnesota zu überlassen. Das “Texas des Nordens” wäre ihnen willkommen.
