NECs „On-the-Move“-Biometrie ebnet den Weg zur totalen Identitätskontrolle
Mit der Einführung eines Systems, das Gesichts- und Irisbiometrie zu einer einzigen Erkennungseinheit verschmilzt und Menschen während des Gehens identifiziert, überschreitet der Technologiekonzern NEC eine entscheidende Schwelle. Was als Effizienzgewinn für Sicherheit und Zugangskontrollen verkauft wird, markiert in Wahrheit den Übergang von punktueller Überprüfung zu permanenter, unsichtbarer Erfassung.
Der Kern dieser Entwicklung liegt nicht in der Genauigkeit der Technologie, nicht in der Kombination zweier biometrischer Merkmale und auch nicht in der Größe der zugrunde liegenden Datenbanken. Entscheidend ist das Prinzip der Identifikation „on the move“. Menschen müssen nicht mehr anhalten, kein Gerät berühren, keine bewusste Handlung vornehmen. Die Erkennung erfolgt automatisch, aus der Distanz, während sie sich durch öffentliche Räume bewegen.
Damit wird ein bislang geltender Grundsatz faktisch aufgehoben: die Annahme, dass Identitätskontrollen an klar definierte Orte, Momente und Zustimmungen gebunden sind. Mit dieser Technologie wird Kontrolle entkoppelt von Interaktion. Sie wird unsichtbar, reibungslos und damit allgegenwärtig.
Die oft bemühte Rechtfertigung, Biometrie diene ausschließlich der Sicherheit und werde nur freiwillig oder an sensiblen Punkten wie Grenzen eingesetzt, verliert damit ihre Grundlage. Ein System, das Personen im Vorbeigehen identifizieren kann, ist kein Zugangssystem mehr. Es ist ein Instrument zur flächendeckenden Erfassung im öffentlichen Raum.
Besonders brisant ist die Skalierbarkeit. Laut Analyse ist das System in der Lage, Personen in Datenbanken mit bis zu hundert Millionen Identitäten abzugleichen. Das entspricht nicht mehr einzelnen Nutzergruppen, sondern ganzen Bevölkerungen. Infrastrukturen dieser Art lassen sich ohne großen Aufwand mit digitalen Identitäten, Bewegungsprofilen und Verhaltensanalysen verknüpfen. Was technisch möglich ist, wird früher oder später politisch nutzbar gemacht.
Dass NEC zunächst von Tests spricht und einen breiteren Einsatz erst für 2027 in Aussicht stellt, sollte nicht beruhigen. In der Sprache großer Technologiekonzerne bedeutet „Proof of Concept“ selten ein Experiment ohne Folgen. Es ist die Phase der Gewöhnung. Sobald solche Systeme an Flughäfen, Bahnhöfen oder Großveranstaltungen etabliert sind, wird ihre Ausweitung logisch erscheinen. Die Frage verschiebt sich dann von „ob“ zu „wo noch“.
So entsteht Kontrolle nicht primär durch Gesetze, sondern durch Infrastruktur. Ist sie erst vorhanden, wird sie genutzt.
Im Ergebnis wird der Mensch selbst zum Ausweis. Gesicht und Iris bilden eine dauerhafte, nicht ablegbare Identität, die jederzeit ausgelesen werden kann. Der öffentliche Raum verliert damit seine letzte Restform von Anonymität. Nicht weil Menschen etwas getan haben, sondern weil sie sichtbar sind.
Diese Entwicklung ist kein technisches Schicksal. Sie ist eine politische und gesellschaftliche Entscheidung. Wer solche Systeme akzeptiert, akzeptiert die Normalisierung permanenter Überwachung und den Verlust der Kontrolle über die eigene Identität.
Die entscheidende Frage lautet nicht, wie präzise diese Technologie ist.
Sondern ob eine Gesellschaft bereit ist, in einer Welt zu leben, in der es kein Entkommen mehr gibt.
