Eine Schweizer Traditionszeitung fordert: „Die Deutschen müssen zum Wehrdienst gezwungen werden.“ Geschrieben hat das ausgerechnet ein Ex-Sprecher eines Waffenherstellers. Damit verschwimmen die Grenzen zwischen unabhängiger Berichterstattung und knallharter Lobbyarbeit. Medien spielen mit der Sprache des Zwangs – und machen sich zum Sprachrohr einer Industrie, die am Krieg verdient.
Von Guido Grandt
Die Militarisierung Deutschlands frisst sich tief in Leitmedien. Dort und natürlich auch in der Politik ist der Krieg allgegenwärtig geworden.
Gerade in Zeiten, in denen auch hierzulande darüber diskutiert wird, ob die Bundeswehr Bodentruppen in die Ukraine entsenden soll, um den Frieden vermeintlich abzusichern, entsteht paradoxerweise neues Konfliktpotenzial: Schon ein kleiner Funke, ein militärischer Zwischenfall, könnte ausreichen, um einen Weltkrieg auszulösen.
Parallel erleben wir einen europaweiten Trend zu militarisierter Rhetorik. Zwischen Alarmismus und Symbolpolitik wurde eine Lautstärke-Ökonomie geschaffen, in der Schlagwörter wie „kriegstüchtig“ oder „Zwang“ eine gewollte politisierte Medienlogik bedienen. Und dennoch Grundrechte ausblenden, wie noch zu sehen sein wird.
„Die Deutschen müssen zum Wehrdienst gezwungen werden“
Und jetzt auch noch das: Am 15. August 2025 schrieb Marco Seliger in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ): „Nie waren die Menschen in Europa so frei und noch nie waren sie so wenig bereit, diese Freiheit zu verteidigen. Das ist paradox und sehr gefährlich. Deshalb ist die Wehrpflicht unabdingbar. Die Bürger Deutschlands müssen für ihr Land wieder persönlich einstehen.“
Und: „Die Deutschen müssen zur Not zum Wehrdienst gezwungen werden.“ Sprich: zur Waffe.
Schon alleine diese Formulierung setzt auf Imperativ und Zwang.
Wie bitte? Ausgerechnet aus der „neutralen“ Alpenrepublik plötzlich diese martialischen Töne, gerichtet an die Bundesbürger?
Eine wirklich krasse Aussage, die nicht nur politisch toxisch ist, sondern auch ein Schlag gegen die deutschen Grundrechte.
Hintergründe zur Wehrpflicht
Die Wehrpflicht ist in Deutschland seit 2011 ausgesetzt, aber nicht abgeschafft.
Verfassungsrechtlich regelt Art. 12a Grundgesetz (GG) die Möglichkeit der Einberufung; zugleich garantiert Art. 4 Abs. 3 GG das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung. Sprich: Niemand darf gegen sein Gewissen zum Dienst mit der Waffe gezwungen werden.
Wer also pauschal vom „Zwingen zum Wehrdienst und damit zur Waffe“ spricht, kollidiert zumindest politisch mit der Gewissensfreiheit – rechtlich wäre jede Reaktivierung zudem an enge Voraussetzungen gebunden.
Aktuell arbeitet das Verteidigungsministerium an einem freiwilligkeitsbasierten „Neuen Wehrdienst“ (Basisdienst, Reservistenaufbau).
Ein genereller Zwangsautomatismus wird offiziell abgelehnt – schon aus rechtlichen und praktischen Gründen.
Deutsche gegen allgemeine Wehrpflicht
Die Forderung nach einer harten Rückkehr der Wehrpflicht steht diametral zur Stimmung im Land: Jüngste Umfragen zeigen eine klare Mehrheit gegen den Dienst an der Waffe.
Präferenzen liegen – wenn überhaupt – eher bei zivilen Diensten. Trotzdem schieben prominente Stimmen den Diskurs Richtung Pflicht.
Dabei wirkt auch die mediale NZZ-Intervention wie ein Katalysator, ganz gleich, dass es in der Schweiz eine allgemeine Militärdienstpflicht für Männer gibt.
Allerdings sind, wie aufgezeigt, deutsche Grundrechtsarchitektur und historisch-politische Kultur eine völlig andere und vor allem verfassungsrechtlich nicht deckungsgleich.
Wie ein Ex-Sprecher der Rüstungslobby die Wehrpflichtdebatte befeuert
Brisant wird es durch den Absender der Forderung, deutsche Bürger zur Waffe zu „zwingen“: Marco Seliger. Er ist Redaktor (also Redakteur) für Sicherheits- und Verteidigungspolitik der NZZ in Berlin.
In seiner dort veröffentlichten Vita lesen wir über ihn unter anderem: „1994/95 Wehrdienst bei der Luftwaffe, Ausbildung zum Reserveoffizier. Zwischen 1999 und 2002 drei Auslandseinsätze mit der Bundeswehr (Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Afghanistan). Im Anschluss daran Wechsel in die Frankfurter Allgemeine Zeitung-Gruppe (…) Es folgten zweieinhalb Jahre als Unternehmenssprecher von Heckler & Koch in Oberndorf am Neckar (…)
Noch einmal: Der deutsche Journalist, der für ein Schweizer Leitmedium schreibt, will die Deutschen zur Waffe zwingen, obwohl er selbst der deutschen Rüstungslobby angehörte! Heckler & Koch verdient genauso wie alle anderen Rüstungsunternehmen am Krieg. Und genau daher kommt Marco Seliger!
Hintergrund:
Heckler & Koch ist nach eigener Darstellung „weltweit führender Hersteller von Handfeuerwaffen, der verantwortungsvolle und zuverlässige Partner für Sicherheitskräfte, Polizei und Einsatzkräfte der NATO sowie für die mit ihr assoziierten Staaten“. „Als international aufgestellte Unternehmensgruppe mit Sitz in Oberndorf am Neckar leisten wir mit unseren Tochtergesellschaften in den USA, Frankreich und Großbritannien einen wesentlichen Beitrag zum Schutz von Freiheit und Demokratie weltweit.“
Rüstungs-PR unter dem Deckmantel journalistischer Meinungsmache
Dementsprechend muss Marco Seligers Aufruf in der NZZ auch unter „Rüstungs-PR“ gelesen werden. Denn Fakt ist: Der Ex-Rüstungs-PR-Mann, der heute als NZZ-Meinungsmacher unterwegs ist – fordert nun eine Zwangsverpflichtung an der Waffe.
Nachtigall, ich hör dich trapsen!
Liegt damit nicht ein klassischer Interessenkonflikt vor, der eigentlich transparent offengelegt werden müsste?
Dass Medien streitbare Positionen veröffentlichen, gehört zur Debatte. Problematisch wird es, wenn gewichtete Meinungen ausgerechnet von Autoren kommen, die unmittelbar aus der Rüstungs-PR in die Redaktion gewechselt sind – und die biografische Nähe zum Industriezweig zeigen.
Wer „Waffen-Zwang“ fordert, muss doppelt offenlegen, wessen Zwangsvokabular er spricht – und zwar nicht nur in seiner Vita.
Konkrete Standards, die hier fällig wären:
- Prominente Transparenzbox am Artikelanfang, zum Beispiel: „Der Autor war 2020–2022 Leiter Kommunikation/Pressesprecher bei Heckler & Koch.“
- Redaktioneller Hinweis: Konfliktpotenzial wird benannt; gegebenenfalls eine „Gegenposition“ beigestellt.
- Trennung Kommentar/Analyse schärfen: Es muss klarer getrennt werden, was eine Abhandlung mit Fakten ist und was die persönliche Meinung des Autors darstellt.
- Außerdem sollte deutlich gemacht werden, wenn ein Wort wie „zwingen“ nicht neutral, sondern bewusst wertend und einseitig formuliert ist.
Das wäre tatsächliche journalistische Transparenz.
Rüstungs-PR? NZZ-Redakteur fordert „Wehrdienst-Zwang für Deutsche“