Die Europäische Union will spätestens im Jahr 2027 vollständig aus bestehenden Lieferverträgen für russisches LNG aussteigen. Die Importmengen aus Russland sind zuletzt jedoch weiter gestiegen. Neben wirtschaftlichen Faktoren spielen dabei auch logistische Vorteile sowie langfristige Verträge eine entscheidende Rolle.
Die EU hat angekündigt, spätestens im Jahr 2027 auch aus noch bestehenden Verträgen zur Lieferung von LNG-Gas aus der Russischen Föderation auszusteigen. Einer Analyse der NGO Urgewald zufolge wird das Volumen der Lieferungen jedoch derzeit eher größer als kleiner.
Im Jahr 2025 sind demnach mehr als 15 Millionen Tonnen LNG-Gas im Gegenwert von 7,2 Milliarden Euro aus Russland in europäischen Häfen angekommen. Dieses Gas stammt aus dem Gasfeld auf der Jamal-Halbinsel im Norden des Landes und wurde über die Arktis verschifft. Der Anteil der Lieferungen, die von dort aus in die EU gehen, stieg im Vorjahr gegenüber 2024 von 75,4 auf 76,1 Prozent.
NGOs werten Datenbestände aus mehreren Quellen aus
Die Angaben von Urgewald stützen sich im Kern auf Schiffs- und Marktdaten des Anbieters Kpler. Im Verbund mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und den NGOs Razom We Stand und Bond Beter Leefmilieu verknüpfte man diese mit offiziellen Statistiken. Diese kamen unter anderem vom Verband Europäischer Fernleitungsnetzbetreiber für Gas (ENTSOG), von nationalen Ministerien, der Bundesnetzagentur und Eurostat/IEEFA.
Die NGOs werteten diese Daten gemeinsam aus; der „Guardian“ berichtete über das Ergebnis. Laut Urgewald kommt der im Vereinigten Königreich ansässigen Reederei Seapeak und der griechischen Dynagas eine entscheidende Rolle bei den LNG-Importen zu. Seapeak soll 37,3 Prozent der LNG-Lieferungen aus Jamal transportieren, Dynagas 34,3 Prozent.
Zum Transport durch das Eismeer kommen Arc7-Eisbrecher zum Einsatz. Insgesamt sollen 14 dieser spezialisierten Schiffe die Lieferungen übernehmen. Elf davon gehören entweder Seapeak, einer Tochter der US-amerikanischen Investmentgesellschaft Stonepeak, oder dem griechischen Unternehmen. Die Schiffe seien eigens für den Transport von LNG durch das Eismeer gebaut worden.
Frankreich ist europäischer Top-Importeur von russischem LNG
Urgewald zufolge erreichten im Vorjahr 58 der Eisbrecher den belgischen Hafen Zeebrügge und lieferten dort 4,2 Millionen Tonnen LNG aus Russland an. Demgegenüber habe es nur 51 Lieferungen im Umfang von 3,6 Millionen Tonnen in chinesische Häfen gegeben.
In den französischen Häfen Dünkirchen und Montoir seien insgesamt 87 Schiffe angekommen, die insgesamt 6,3 Millionen Tonnen Jamal-LNG geliefert hätten. Frankreich sei damit der größte Importeur. Der französische Konzern TotalEnergies sei zudem ein Schlüsselinvestor des Jamal-Projekts. Sein Anteil am Projekt beträgt 20 Prozent.
Für die Tankschiffe ist der Weg nach Europa kürzer und die Transportkosten sind geringer als bei einer Lieferung nach Asien. Deshalb gilt die EU nach wie vor als attraktiver Zielmarkt. Das Vereinigte Königreich hat angekündigt, in diesem Jahr die Durchführung von Dienstleistungen für Schiffe, die russisches LNG transportieren, zu verbieten.
Pipelinegas deutlich günstiger als Flüssiggas – dieses hat sich weiter verteuert
Im Vergleich zu 2021 hat die EU ihre Importmenge von russischem LNG deutlich erhöht. Im Jahr 2024 war Russland nach den USA der zweitgrößte LNG-Lieferant der Europäischen Union.
Die Menge des aus Russland in die EU gelieferten Gases sei bereits 2024 um rund 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Bei den tatsächlich dort verbleibenden Importen sei es sogar ein Plus von 19 Prozent gewesen.
Allerdings war das russische LNG-Gas im 4. Quartal 2024 um rund 274 Prozent teurer als vor der Eskalation des Ukraine-Krieges. Grundsätzlich ist LNG in der Anschaffung bereits um 20 bis 50 Prozent teurer als Pipelinegas. Der Unterschied ist abhängig von den Kosten für die Verflüssigung, den Transport und die Regasifizierung, aber auch von der Marktphase. Auf den Spotmärkten können die Preise kurzfristig ansteigen. Langfristverträge sind preisstabiler und bleiben es auch, wenn die Spotmarktpreise sinken.
Um russisches LNG kurzfristig zu ersetzen, müsste die EU die aus den USA bezogenen Mengen ausweiten. Dazu kommen mögliche Verträge mit Lieferländern wie Katar, Nigeria, Algerien, Ägypten, Mosambik, Namibia oder Senegal. Dies setzt allerdings voraus, dass die kurzfristigen Kapazitäten dafür vorhanden sind und die Umleitung von Lieferungen nicht mit einem erheblichen Aufpreis einhergeht.
EU erschwert Ersatz von russischem LNG durch Lieferkettenbestimmungen
Zuletzt hat die EU zudem auch Unmut bei potenziellen Lieferländern hervorgerufen. Die geplante Richtlinie über die Nachhaltigkeitssorgfaltspflicht von Unternehmen (CSDDD) soll auch für Lieferanten aus den USA oder Katar gelten. Diese wären verpflichtet, strenge Berichtspflichten mit Blick auf ihre Lieferkette zu erfüllen – andernfalls drohen hohe Bußgelder. Aus den USA und Katar hieß es bereits, dass zugesagte Lieferungen unter diesen Bedingungen infrage stünden.
Zwar wäre es möglich, den Verlust russischer Importe durch Lieferungen aus alternativen LNG-Quellen zu kompensieren, jedoch bliebe eine Abhängigkeit von volatilen Spotpreisen und möglichen geopolitischen Verwerfungen bestehen. Was den Ersatz durch Pipelinegas anbelangt, stehen perspektivisch Optionen von Norwegen über Nordafrika bis hin zum Südlichen Gaskorridor (TAP/TANAP) zur Verfügung. Allerdings ist hier ein Vorlauf bezüglich Zeit und Investitionen zu beachten.
