Auf der Mittelmeerinsel Sardinien existierte über mehr als tausend Jahre hinweg eine der rätselhaftesten Zivilisationen Europas. Ihre Erbauer hinterließen keine Schrift, keine Königsnamen und keine Chroniken – doch sie bedeckten die gesamte Insel mit über siebentausend monumentalen Steintürmen, den sogenannten Nuraghen. Diese gewaltigen Bauwerke aus tonnenschweren Steinblöcken wurden ohne Mörtel errichtet und zeugen von einer erstaunlichen technischen, organisatorischen und sozialen Leistungsfähigkeit einer Kultur, deren Identität bis heute im Dunkeln liegt.
Die Nuragher waren keine isolierten Primitive, sondern aktive Teilnehmer des bronzezeitlichen Mittelmeerraums. Archäologische Funde belegen Handelskontakte mit Mykene, Ägypten, Zypern und dem Nahen Osten. Ihre Gesellschaft basierte auf Landwirtschaft, Viehzucht und vor allem auf einer hochentwickelten Metallurgie, die Sardinien zu einem wichtigen Zentrum der Bronzeproduktion machte. Die steinernen Türme dienten dabei nicht nur militärischen Zwecken, sondern waren zugleich Machtzentren, religiöse Orte und Symbole territorialer Kontrolle in einer dezentral organisierten Clan-Gesellschaft.
Doch trotz ihrer Stärke und Anpassungsfähigkeit begann diese Kultur im Laufe des ersten Jahrtausends vor Christus langsam zu zerfallen. Klimatische Veränderungen, Ressourcenknappheit, interne Konflikte sowie der zunehmende Druck durch Phönizier, Karthager und schließlich die Römer führten zu einem schleichenden Verlust politischer und kultureller Autonomie. Die monumentalen Nuraghen blieben stehen, doch die Gesellschaft, die sie einst errichtet hatte, löste sich allmählich auf und wurde in neue mediterrane Machtstrukturen integriert.
Die Geschichte der Nuragher zwingt uns, unser Bild von Zivilisation neu zu denken. Sie zeigt, dass hochkomplexe Gesellschaften auch ohne Schrift und zentrale Imperien existieren konnten – und dass selbst monumentale Kulturen lautlos aus der Geschichte verschwinden können. Die steinernen Türme Sardiniens sind keine Ruinen einer gescheiterten Gesellschaft, sondern stille Zeugen einer alternativen europäischen Hochkultur, deren Bedeutung erst langsam verstanden wird.
