Nicht nur Kinder können in einer Stunde lernen – wenn es richtig angestellt wird –, wofür die durchschnittliche Schule ein bis anderthalb Jahre braucht; zugegebenermaßen nicht den gesamten Schulstoff aller Fächer, aber für ein bis zwei Lernthemen lässt sich das realisieren – sagt Ricardo Leppe. Was bedeutet das für unser Schulsystem: Versagen oder Vorsatz? Zum Themenkomplex des gehirngerechten Lernens habe ich mit Ricardo Leppe gesprochen – und es hat mich sehr überrascht, wie präzise seine praktische Erfahrung mit dem übereinstimmt, was wir aus der Hirnforschung über das Gedächtnis und Lernen wissen.
Ricardo war nie ein klassischer Schüler. In Österreich als Freilerner aufgewachsen, später Berufszauberer, hat er sich aus der schlichten Notwendigkeit heraus, sich auf der Bühne souverän an Namen, Zahlen und Abläufe zu erinnern, mit Gedächtnistechniken beschäftigt – und festgestellt, dass die Methoden, mit denen er Informationen bald mühelos abspeichern konnte, in keinem Schulbuch zu finden waren. Seit elf Jahren unterrichtet er kostenlos an Schulen, betreibt mit „Wissenschaft Freiheit“ eine frei zugängliche Lernplattform für den gesamten deutschsprachigen Raum und baut gerade ein spendenfinanziertes, dezentrales Bildungssystem auf – zuletzt für Flüchtlingskinder in Thailand, denen dort jedes Recht auf Bildung verwehrt wird:
Es geht hier nicht einfach um Bildungstheorie, sondern um jemanden, der seine Methoden seit über einem Jahrzehnt täglich an echten Kindern und echten Senioren zur Anwendung bringt und weiterentwickelt – und der, wie auch ich, überzeugt ist: Wissen, das wirklich verstanden und nicht nur ins Gedächtnis gezwungen wurde, ist der Schlüssel zu Eigenständigkeit und Freiheit.
