Unter dem Münchner Marienplatz wurde 1969 beim U-Bahn-Bau ein Mauerwerk entdeckt, das nach dem Stand der Wissenschaft nicht existieren darf — zwölf Meter tief, unterhalb der geologisch sterilen Schotterschicht. Drei Räume. Präzise angeordnet. Einritzungen an den Wänden, die ein Berliner Prähistoriker Jahrzehnte später als beunruhigend bezeichnet.
Ein Archäologe des Bayerischen Landesamts verbringt vier Stunden unter der Erde, macht einunddreißig Fotos, entnimmt mindestens zwei Objekte — und hinterlässt keinen Akt. Die Baustelle wird neun Tage gesperrt. Im offiziellen Protokoll: eine Standardformulierung. Kein Wort über das Mauerwerk. Kein Wort über die drei Räume.
Diese Untersuchung folgt drei handgeschriebenen Heften eines Oberingenieurs, die fünfzig Jahre unbeachtet in einem Regal standen — bis sie auf einer Nachlassauktion auftauchten. Sie verfolgt das Bronze-Objekt aus dem zweiten Raum bis in ein Münchner Depot. Sie sucht nach den einunddreißig Fotos, von denen acht im Bildarchiv des Landesamts fehlen. Und sie findet, was sie nicht gesucht hat: ein internes Protokoll, das 1967 vorbeuglich erstellt wurde — für Funde, die eigentlich nicht eintreten sollten.
Das ist keine Spekulation. Das sind Inventarkarten, Archiveinträge, Gutachten, Zeugenaussagen von Zeitzeugen, die heute noch leben.
Was hier fehlt, ist nicht weniger aufschlussreich als das, was vorhanden ist. Warum fehlt Schacht MW-17 in der wissenschaftlichen Auswertung von 1984 — als einziger von neunundachtzig? Warum wurde das Steinfragment mit den Einritzungen 2001 aus seinem Depot abgeholt — ein Jahr vor dem Tod des Mannes, der alles aufgeschrieben hatte?
