12. Mai 2021

100 Jahre Abstimmungskampf: Polens Griff nach Oberschlesien

Der 20. März 1921 war mit dem klaren Sieg bei der von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs angesetzten Volksabstimmung ein siegreicher Tag für die Deutschen in Oberschlesien. Dennoch wurden Hunderttausende von ihnen heimatlos, weil die Interalliierte Kommission trotz des klaren Ergebnisses für den Verbleib der Provinz beim Deutschen Reich die Entscheidung traf, die kohlereichen Landesteile Polen zuzusprechen. 

Der Abtrennung Oberschlesiens ging ein mehrjähriger  sogenannter Abstimmungskampf voraus, in dem polnische Insurgenten auf gewaltsamem Wege den Versuch unternahmen, die Abstimmung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Nach dem Ersten Weltkrieg keimte im neuen polnischen Staat Chauvinismus auf. Obwohl die am 5. November 1916 vollzogene und auf Initiative des Deutschen Reichs und Österreichs zurückgehende Gründung des sogenannten Regentschaftskönigreichs Polen ein bemerkenswertes Zugeständnis der Mittelmächte war, forderten die Vertreter der Großpolen-Idee darüber hinaus die Abtretung ostdeutscher Provinzen, wozu auch Teile Niederschlesiens und ganz Oberschlesien gehören sollten.

 Erster polnischer Aufstand 1919

 Nachdem 1918/19 Posen von polnischen Aufrührern annektiert und dieser Raub im Versailler Diktat auch noch formal bestätigt wurde, ging es wenig später Schlesien an den Kragen. Denn anders als im Falle Posens sollte über den künftigen Verbleib Schlesiens eine Volksabstimmung entscheiden. So hatte sich unter anderem der britische Premier David Lloyd George dagegen ausgesprochen, das Gebiet den Polen einfach zu übergeben. In der polnischen Politik war man darüber entsetzt, daher wollte man das östlichste Industriegebiet des Reiches militärisch okkupieren und damit vollendete Tatsachen schaffen.

Federführend dabei war wie bei den Operationen gegen Posen der Politiker und Journalist Wojciech Korfanty. In der Nacht vom 16. auf den 17. August brach der erste polnische Aufstand aus, der von der Polnischen Militärorganisation Oberschlesien ausgeführt wurde. Ein Einsatz der sogenannten paramilitärischen Schwarzen Reichswehr konnte den Aufruhr am 26. August vorzeitig beenden.

 Zweiter polnischer Aufstand 1920

 Fast genau ein Jahr später erfolgte dann die zweite polnische Revolte. Dabei kam es zu erheblichen Misshandlungen und sogar Morden an Deutschen. Teilweise wurden sie verschleppt oder vertrieben. Die Interalliierte Kommission scherte sich wenig bis gar nicht um diese Aktionen, allenfalls die italienischen Militärs gingen gegen diese Gräueltaten vor. Am 25. August 1920 konnte die Rebellion gestoppt werden. Da in dieser Region keine deutschen Militärs stationiert sein durften, bildete sich im Zuge des zweiten polnischen Aufstandes Ende 1920 in Breslau der „Selbstschutz Obserschlesien“, um die Volksdeutschen vor Übergriffen polnischer Freischärler schützen zu können.

Dritter polnischer Aufstand 1921

 Ein letzter Versuch, Oberschlesien für Polen zu sichern, sollte dann kurz nach dem Ausgang der Wahl am 20. März 1921 erfolgen. Immerhin entschieden sich 59,6 Prozent der Wähler für das Verbleiben der Provinz bei Deutschland. Korfanty konnte und wollte es dabei nicht belassen, weshalb er den industriereichsten Teil der Provinz mit polnischen Freiwilligen in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1921 besetzte. Dieser Vormarsch ging mit heftigen Terroraktionen gegen Deutsche einher.

Nicht nur Plünderungen deutscher Geschäfte standen nun auf der Tagesordnung. Deutsche mussten erneut um ihr Leben fürchten und Brücken oder Bahnhöfe wurden von Insurgenten gesprengt. Auch hier handelten nur italienische Einheiten entsprechend ihres Mandats und drängten die Freischärler mancherorts zurück. Die französischen Truppen glänzten dagegen nicht nur mit völliger Untätigkeit, sondern unterstützten die polnischen Aufständischen sogar bei ihren Gewaltaktionen.

Parteische Franzosen unterstützten polnische Aufständische

So wird von italienischen Soldaten berichtet, dass sie bei einer Razzia in den französischen Quartieren in Oppeln feststellen mussten, dass französische Waffen und Munition in ein Lager von polnischen Aufrührern abgeflossen waren. Andernorts wurden elf uniformierte Franzosen von Italienern aufgegriffen, die auf polnischer Seite kämpften. Um dem Vordringen der sogenannten Korfanty-Banden Einhalt zu gebieten, schlossen sich dem Selbstschutz weitere Freikorpskämpfer aus dem Deutschen Reich an.

Den Höhepunkt erreichte der Abstimmungskampf am 21. Mai 1921. Am damaligen Tag gelang es den Freikorpsverbänden, den Annaberg ‒  ein bedeutendes katholisches Wahrzeichen Oberschlesiens ‒ zu erstürmen und zu besetzen. Auf Druck der Interalliierten Kommission beendeten schließlich beide Seiten die Auseinandersetzung und schlossen einen Waffenstillstand. Die Siegermächte gaben dann den Forderungen Polens in weiten Teilen nach und übergaben den industriereichsten Teil Oberschlesiens an den neuen Staat. Dies bedeutete nicht zuletzt, dass sich der Leidensweg der dort ansässigen Deutschen für viele Jahre fortsetzen sollte.

Quelle: COMPACTOnline