12. Mai 2021

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Der Sieg der Taliban über die Nato

Die USA haben beschlossen, dass die Nato Afghanistan zum 11. September verlässt. Damit ist es Zeit für eine Bilanz des 20-jährigen Krieges.
 

Wenn ein Land (oder ein Bündnis) in einen Krieg zieht, dann verkündet man Kriegsziele. Das war auch im Falle von Afghanistan so. Der Grund für den Angriff der Nato auf Afghanistan war 9/11. Die verkündeten Kriegsziele waren erstens Rache für 9/11, zweitens Vernichtung der Taliban, drittens Mädchen den Zugang zu Schulen ermöglichen und natürlich, wie immer bei US-Kriegen, Demokratie und Menschenrechte. Wir können also nun ganz leicht überprüfen, ob diese Ziele erreicht wurden.

Es ist jedem bekannt, dass keines der Ziele erreicht wurde, im Gegenteil. Trotzdem wollen wir uns das zur Verdeutlichung kurz anschauen und danach die Frage stellen, warum dieses Desaster bei Medien und Politik nie zu Kritik oder einem Umdenken geführt hat, schließlich sind auf Afghanistan weitere Kriege in der Region gefolgt, die alle die gleichen edlen Ziele hatten und alle gleichermaßen gescheitert sind.

Im Ergebnis sind Millionen Menschen gestorben und mehr Menschen auf der Flucht als nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei einem solchen durch die Kriege des Westens verursachten Elend müssten Medien und Politik – wenn sie es mit Demokratie und Menschenrechten ernst meinen würden – doch ein Umdenken fordern. Aber stattdessen wird diese gescheiterte und menschenverachtende Politik bis heute fortgesetzt.

Rache für 9/11 und Vernichtung der Taliban

Auf 9/11 will ich hier nicht eingehen, aber die Taliban zu besiegen, war das daraus folgende und offiziell verkündete Kriegsziel der USA und der Nato. Das ist entsetzlich gescheitert, denn seit Jahren verhandeln die USA mit den Taliban über einen Frieden. Offiziell sollen die Taliban nun mit der von der Nato eingesetzten Regierung über die Zukunft des Landes verhandeln, aber niemand glaubt daran, denn die Regierung und die Taliban führen immer noch Krieg gegeneinander.

Stattdessen wird es so kommen, dass die Taliban die Regierung besiegen, die sich seit 20 Jahren nur deshalb halten kann, weil sie von der Nato unterstützt wird. Ohne die Nato dürften die Taliban schnell wieder die Macht in Afghanistan übernehmen.

Die Nato ist krachend gescheitert.

Gleiche Rechte für Mädchen in Afghanistan

Das Kriegsziel dürfte niemand im Westen ernst gemeint haben. Aber es klang gut für die dumme Öffentlichkeit, der man den Krieg ja als etwas Gutes und Edles verkaufen musste. Afghanistan war nicht immer – aber ist jetzt seit Jahrzehnten – ein Land, das von einer Art Steinzeit-Islam beherrscht wird. Den Menschen dort etwas von gleichen Rechten von Frau und Mann beizubringen, wäre ein Projekt, das Generationen in Anspruch nehmen würde.

Nur zur Erinnerung: Auch in Europa hat die Gleichberechtigung viel Zeit gebraucht. In den 1950er Jahren brauchte eine Frau in Deutschland noch die Genehmigung ihres Mannes, wenn sie arbeiten gehen wollte. Und in der Schweiz haben Frauen das Wahlrecht erst seit Anfang der 1970er Jahre. Und es ist ja keineswegs so, dass sich deshalb die Frauen automatisch unterdrückt gefühlt hätten, sie kannten es eben nicht anders die meisten Menschen nehmen das, womit sie aufgewachsen sind, als normal hin. Ich habe Reportagen aus der Zeit gesehen und da haben viele Schweizer Frauen gesagt, sie wollten gar kein Wahlrecht, Politik sei eben Männersache. Heute undenkbar, aber vor 50 Jahren haben in der Schweiz noch viele Frauen so gedacht.

Daher hätte der Westen auch in Afghanistan die Frauenrechte teilweise gegen den Willen der Frauen selbst durchsetzen müssen. Das – auch in meinen Augen – erstrebenswerte Ziel der Gleichberechtigung finden viele in Afghanistan nicht erstrebenswert.

Aber egal, wie man darüber denken mag, auch dieses Kriegsziel hat die Nato nicht erreicht.

Der Krieg gegen den Terror

Das war ja das größte, damals ausgerufene Ziel: Den islamistischen Terror besiegen.

An keinem Kriegsziel ist die Nato so sehr gescheitert, wie an diesem. Heute wissen es viele nicht mehr, aber vor dem Afghanistankrieg gab es Veranstaltungen wie die Love-Parade, bei denen Millionen Menschen auf den Straßen gefeiert haben und es brauchte keinen Polizeischutz. Heute muss jeder Weihnachtsmarkt in Europa mit Betonpollern vor islamistischen Terroristen geschützt werden und es patrouillieren dort Polizisten mit Maschinenpistolen.

Das war vor dem Krieg gegen den Terror undenkbar. Der Krieg gegen den Terror hat den Terror erst in den Westen gebracht, indem die Nato und die USA durch ihre Kriege Millionen Moslems radikalisiert haben.

Demokratie und Menschenrechte

Darüber müssen wir nicht reden, denn das Ziel hat die Nato nicht erreicht, im Gegenteil. Ihre Kriege haben viele Menschen getötet und das wohl wichtigste Menschenrecht ist das Recht auf Leben. Von den anderen Rechten, die uns im Westen so wichtig sind, gar nicht zu reden.

Mehr noch: Die Nato-Staaten haben Menschenrechte auch nie als Ziel gehabt. Nato-Soldaten haben in Afghanistan ungezählte Kriegsverbrechen begangen, die anschließend vertuscht wurden. Wie passt das zu Demokratie und Menschenrechten?

Und von Guantanamo, das mit den Menschenrechten erst recht nicht in Einklang zu bringen ist, gar nicht zu reden. Anstatt die Menschenrechte nach Afghanistan zu bringen, ist es dem Westen gelungen, die Lage der Menschenrechte im Westen selbst zu verschlechtern.

Die Ergebnisse

Statt also all die edlen Kriegsziele zu erreichen, ist das Gegenteil geschehen. Hinzu kommt, dass Afghanistan unter der Herrschaft der Nato zum mit Abstand größten Drogenanbaugebiet der Welt geworden ist. Das ist nicht meine bösartige Fantasie oder Propaganda der bösen Russen, das meldet die UNO mit schöner Regelmäßigkeit.

Die „Qualitätsmedien“ verschweigen das aber lieber, wie ich immer wieder aufgezeigt habe. Besonders dreist war dabei ein Bericht der Arte-Propaganda-Sendung „Mit offenen Karten“, die wegen ihrer offensichtlichen Propaganda eigentlich „Mit gezinkten Karten“ heißen müsste. Aber Arte ist keine Ausnahme, alle deutschen „Qualitätsmedien“ haben derartige Geschichtsverfälschungen veröffentlicht.

Lügen gehören zum Krieg

Und auch die US-Regierung hat über den Krieg offen gelogen, wie Berichte und Unterlagen aus den USA zeigen. Dazu gab es 2019 mal einen sehr guten Artikel in der Washington Post, die sich gerichtlich Zugang zu Regierungsunterlagen erstritten hatte und den ich seinerzeit übersetzt habe, Sie finden ihn hier.

Aber wie das so ist mit den westlichen „Qualitätsmedien“, an solchen Geschichten bleiben sie nicht dran. Sie veröffentlichen das einmal, lassen sich für ihren kritischen Journalismus feiern und vergessen es dann schnell wieder, anstatt das Thema hartnäckig in der Öffentlichkeit zu halten und Konsequenzen zu fordern.

Und so werden wir es nun wieder erleben: Die Nato zieht ab, aber die Medien werden nicht ernsthaft eine Aufarbeitung des Krieges oder gar eine Bestrafung von Verantwortlichen fordern. So, wie sie die Kriegsverbrechen westlicher Soldaten möglichst verschwiegen haben, so wird es auch keine Aufarbeitung geben.

Das sehen wir jetzt schon, denn sogar dass Joe Biden als Datum für den Abzug der US-Soldaten den 11. September 2021 ausgewählt hat, also genau 20 Jahre nach 9/11, provoziert bei den Medien keine Fragen nach dem Erfolg des Krieges und nach der Frage, ob die Taliban denn nun besiegt worden sind, wie es uns vor 20 Jahren versprochen wurde. Stattdessen loben die Medien Bidens Entscheidung, ein so symbolträchtiges Datum für dieses wichtige Ereignis ausgewählt zu haben.

Quelle: anti-spiegel