12. Mai 2021

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Deutscher Einzelhandel: Das große Sterben

Die Lage im deutschen Handel ist ernst. Nach neuesten Berechnungen des Handelsforschungsinstituts IFH werden bis 2023 rund ein Fünftel der stationären Läden für immer ihre Türen schließen müssen – das sind rund 80.000 Geschäfte. Erst kurz vor dem jüngsten Corona-Gipfel warnte der Handelsverband Deutschland (HDE) vor einem Verlust von bis zu 120.000 Geschäften. Die Folgen für die Innenstädte und das gesellschaftliche Leben würden verheerend sein, warnte der HDE-Präsident Josef Sanktjohanser in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er appellierte an die Kanzlerin, bei dem Corona-Gipfel von Bund und Ländern einen „längst überfälligen Strategiewechsel bei der Pandemiebekämpfung einzuleiten.“

Merkel goss stattdessen mit der Einführung von „Oster-Ruhetagen“ zunächst weiteres Öl ins Feuer – um sie kurz darauf öffentlichkeitswirksam zurückzunehmen. Ein Schelm, wer Gutes dabei denkt! Doch ihr Vorstoß zeigt: Einfühlungsvermögen scheinen ihr ebenso fremd wie eine Erklärung, warum der Handel schließen muss, während die Menschen in U- und S-Bahnen dicht gedrängt stehen dürfen – was nur eines von vielen Beispielen ist.

Berechnungen des HDE, dass jeder einzelne durch den Lockdown verlorene Verkaufstag die Einzelhändler 700 Millionen Euro kostet, lassen sie und die Länderchefs kalt. Woche für Woche (sechs Verkaufstage gerechnet) kommen auf diese Weise 4,2 Milliarden Euro Verlust zusammen. Der Handel sei schwer getroffen worden und blute finanziell aus, warnen Experten, zumal liquiditätsbedingte Engpässe infolge des Shutdowns die Lage zusätzlich verschärfen.

Große Ketten wie Douglas, Zara, Esprit planen den Massen-Exodus aus den Innenstädten. Pleite-Wellen, Insolvenzen und betriebsbedingte Sparmaßnahmen könnten die prekäre Lage noch verschärfen. Galeria Kaufhof Karstadt, einst ein Publikumsmagnet in den Fußgängerzonen, beantragte im Februar Staatshilfen für seine 131 Warenhäuser. Die traditionsreiche Modekette Adler beantragte wegen Überschuldung für seine 142 Geschäfte in Deutschland Insolvenz.

Kalter Zynismus der Länderchefs

Die Firmen sehen sich unfair behandelt: „Der Handel bringt große Opfer und wird dafür nicht einmal adäquat kompensiert. Für unsere Branche bedeutet dies ein Geschäfts- und Unternehmenssterben auf Raten.“ Stefan Genth, Chef des Handelsverbands, warnte schon Mitte Februar: „Sollten bis Ostern keine weiteren Öffnungsschritte erfolgen, droht ein wirtschaftlicher Totalschaden für zehntausende Einzelhändler und viele Innenstädte. Dann erleben wir Geisterstädte und leere Ladenlokale in ganz Deutschland.“

Für eine Besserung gibt es wenig Hoffnung: Die Test-Offensive wird zwangsläufig zu steigenden Inzidenzen führen, dafür spricht allein die Mathematik. Dass es sinnlos ist, Symptomlose zu testen, spielt dabei nicht einmal eine Rolle.

Die alleinige Orientierung an Inzidenzwerten als Beurteilungsmaßstab für das weitere Handeln ist ohnehin nicht zielführend, betonte kürzlich auch HDE-Präsident Sanktjohanser. Vielmehr müssten auch andere Kriterien wie die Auslastung der Intensivkapazitäten und der Anteil schwerer Krankheitsverläufe sowie die vermehrten Tests berücksichtigt werden. Der Handel sei bereit, seinen Beitrag zu leisten, um eine „zeitnahe komplette Öffnung aller Geschäfte“ unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln zu ermöglichen.

Was daraus werden kann, zeigt der kalte Zynismus der Länderchefs und der Kanzlerin im vergangenen Jahr: Nachdem die Ladenbesitzer sämtliche – teils überaus kostspielige – Corona-Auflagen umgesetzt hatten, mussten sie ihre Türen schließen. Dazu passt, dass laut Verbandschef Sanktjohanser die von der Regierung gegebenen Versprechen, gesunde Unternehmen durch Staatshilfen zu retten, „bei weitem“ nicht gehalten werden. Von Christian Euler

Quelle: reitschuster.de